Juri Trifonow

Юрий Валентинович Трифонов

 

 

„…nichts ist furchtbarer, als seinen  Ort

und seine Zeit  zu erkennen…“

 

 

„…Wieder taucht das Problem auf:

Die Angst, zu sehen. Er sieht alles klar –

und sieht gar nichts, denn der geheime

Mechanismus der Angst macht die Augen

blind wie der graue Star…“

 

Aus "ZEIT und ORT - 1980"

 



Das Haus an der Moskwa

 

Дом на набережной

 

Geht man vom Moskauer Roten Platz

an der Basilius Katherale vorbei

zum Moskwa-Ufer, trifft man rechts

auf die Kameny Brücke.

Auf der anderen Seite der Brücke

liegt "Das Haus an der Moskwa",

der riesige Wohnkomplex aus den

frühen dreissiger Jahen.

Hier wuchs der sowjetische Autor

Juri Valentinowitsch Trifonow

[1925 - 1981]

als Sohn einer bolschewistischen

Funktionärsfamilie auf.

 

 

Juri Trifonows Vater

Valentin Andrejewitsch Trifonow

 

 

 

Erinnerungstafel für Juri Trifonow

am Haus an der Moskwa.

Hier befindet sich heute ein

Museum. Es wird geleitet

von Juri Trifonows Witwe Olga.

 

 

Juri und Olga Romanowna Trifonowa

 

Eingang zum Museum

des Hauses an der Moskwa

Der DDR-Titel war:

"Das Haus an der Uferstrasse"

 

Juri Trifonow:

„In diesem Haus habe ich einmal gewohnt. Nein, dieses Haus ist längst gestorben und verschwunden, ich habe in einem anderen gewohnt, aber in diesen gewaltigen dunkelgrauen Betonmauern, die wie eine Festung sind. Das Haus überragte die zweigeschossigen Häuser, kleinen Villen, Kirchen, Glockentürme, alten Fabriken, Uferstraßen mit Granitbrüstung, und an beiden Seiten floss die Moskwa vorbei. Es stand auf einer Insel, war wie ein schwerfälliges, aberwitziges Schiff ohne Masten, Schornsteine und Steuerrad, ein riesiger Kasten, eine mit Menschen vollgestopfte Arche, bereit, davonzuschwimmen. Wohin? Niemand wusste das, niemand hatte eine Ahnung. Den Leuten, die auf der Straße an den Mauern vorbeigingen, in denen Hunderte von winzigen Zitadellenfenstern leuchteten, erschien das Haus unerschütterlich und ewig wie ein Feld: nach dreißig Jahren hat sich das Dunkelgrau der Mauern nicht verändert.“



Auf einem der vier Innenhöfe

in den Dreissiger Jahren

 

 Das Haus an der Moskwa


Das Haus an der Uferstraße


Dass Bücher sich, genau wie ihre Leser, mit den Jahren verändern, ist kein großes Geheimnis. Wie sehr sie sich gelegentlich verändern, verblüfft. Jurij Trifonows Roman "Das Haus an der Moskwa" ist so ein Fall. Das Buch erschien 1976 in der Sowjetunion, im Jahr darauf in der BRD und 1983 auch in der DDR. Schon diese durchaus ungewöhnliche Publikationsgeschichte deutet an, dass der Autor Trifonow, geboren 1925, gestorben 1981, einen Sonderstatus innehatte. Mitte der 70er-Jahre war Trifonow der wohl kontroverseste, vielleicht auch der Beste der zur offiziellen Sowjetliteratur zählenden Schriftsteller. Heinrich Böll war ein Fan, die Zensoren in Moskau und Ostberlin wohl weniger. Aber Trifonow wurde gedruckt, wenn auch gelegentlich mit Verzögerung.

"Das Haus an der Moskwa" war bei seinem Erscheinen sowohl in Moskau wie im Westen eine Sensation, weil darin mit erstaunlicher Offenheit und Klarheit im moralischen Urteil das Leben von Menschen beschrieben wird, die zur sowjetischen Nomenklatura gehörten. Sowjetischen Lesern reichte der Titel des Buches, um das zu verstehen. Das Haus an der Uferstraße, wie das Buch im Original heißt, ist im Grunde kein Haus, sondern ein riesiger Gebäudekomplex mit 500 Wohnungen, eigenem Kino, Bank, Kindergarten, Kantine, Sporthalle, Ambulanz und Supermarkt. Ende der 20er-Jahre schräg gegenüber vom Kreml für Regierungsmitglieder und andere Bessergestellte erbaut, wurde das Haus am Ufer schon bald für zweierlei notorisch: Für den Luxus der dortigen Wohnungen und für die Geschwindigkeit, mit der viele der Bewohner aus diesem Luxus in die Barbarei der Lager gelangten.

Wadim Glebow wächst im Schatten des grauen Monstergebäudes auf, buchstäblich und metaphorisch. Seine Familie lebt in den 30er-Jahren in einer der kleinen Gassen, die damals in diesem Teil Moskaus noch existierten. Einige seiner Schulfreunde wohnen im Haus an der Moskwa. Zu Beginn des Buches begegnen wir dem alt gewordenen Glebow im Jahr 1972. Gerade ist er einem dieser Schulfreunde zufällig wiederbegegnet, beginnt sich zu erinnern. Doch zunächst stellt Trifonow uns diesen Glebow des Jahres 1972 vor, erbarmungslos:

Vor fast einem Vierteljahrhundert, als Wadim Alexandrowitsch Glebow weder Halbglatze noch Leibesfülle besaß, noch einen Busen, wie Frauen, noch dicke Schenkel, noch einen großen Bauch, noch abfallende Schultern ...

Langsam und methodisch arbeitet sich Trifonow vor, vom körperlichen zum psychischen Verfall:

... als er keine Furcht davor empfand, die Moskwa an der breitesten Stelle zu durchschwimmen ...

Schließlich das Urteil

... als er, in Schlaflosigkeit und kläglicher jungenhafter Ohnmacht, von all jenen Dingen erst noch träumte, die ihm später zufielen, ohne Freude zu bringen, weil sie ihm so viele Kräfte und jenes Unersetzliche geraubt hatten, das 'Leben' genannt wird.

Den Rest des Romans benutzt Trifonow, um zu erzählen, wie es dazu gekommen ist. Er erzählt, wie der Streber Glebow die Chancen des sowjetischen Bildungssystems nutzt, um weit nach oben zu kommen. Und er erzählt von dem Preis, den Glebow zahlen muss. Der Preis ist Verrat, mehrfacher Verrat. Als Kind verrät Glebow zwei Freunde, die bei einer Prügelei dabei waren, die er selbst angestiftet hat. Als junger Erwachsener verrät er seinen Doktor- und Schwiegervater, den alten Revolutionär Gantschuk, und schließlich verrät er sich selbst. Der Grund ist immer derselbe:

Und das Skelett der menschlichen Handlungen tritt hervor, ihr beinerner Umriss: der Umriss der Angst. Sie rollten ein Fass auf Gantschuk. Das war alles. Sonst war nichts. Sonst war nur die Angst, eine lächerliche, blinde Angst, formlos wie ein in einem dunklen Kellerraum geborenes Wesen, Angst unbekannt wovor, Angst vor Zuwiderhandlung. Und das saß so tief.

"Das Haus an der Moskwa" mag in der Sowjetunion der Stalin-, Chruschtschow- und Breschnewjahre spielen. Doch das Buch handelt, wie alle großen Romane der Weltliteratur, von universellen Themen. Das ist die große Überraschung, die jeden erwartet, der das Buch 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion liest. Glebow und sein Schwiegervater, der alte Revolutionär Gantschuk leben fantastisch detailliert beschriebene sowjetische Leben. Wer Trifonow liest, begreift viel über die Sowjetunion und ihre Geschichte. Aber den entscheidenden Konflikt, den moralischen Abgrund, der Glebow und Gantschuk trennt, all das kennt jeder erwachsene Mensch aus dem eigenen Leben oder zumindest aus dem Tatort: Glebow verrät Gantschuk und die Liebe seines Lebens, weil er Angst um seine Karriere hat.

Mit Stalinismus hat das, abgesehen von einigen Details in der Ausführung, wenig zu tun. "Das Haus an der Moskwa" ist ein Buch über das Leben in der Metropole Moskau, es ist ein Buch über die Liebe und den Verrat, es ist ein Buch über den Preis für das bequeme Leben und es ist nebenbei auch ein Buch über die sowjetische Geschichte. Was es mit Sicherheit nicht ist, ist eine Anklage gegen die Sowjetunion. Und genau darin liegt der Grund dafür, dass Trifonows Roman so wenig altert. Die meisten der vielen regimekritischen, aufklärerischen, anklägerischen Bücher aus der und über die Sowjetunion sind lange vergessen.

Trifonow aber, der gewiss nie etwas beschönigt hat, sich aber eben auch nie in die Schlachten des Kalten Krieges einspannen ließ, Trifonow gilt auch 30 Jahre nach seinem Tod als Klassiker der sowjetischen Literatur. Er war und bleibt der Autor der städtischen Mittelklasse Moskaus, Leningrads, Kiews, Charkows, Odessas, Alma-Atas, Swerdlowsks und Nowosibirisks. Der Autor jener gebildeten Schichten, jener Millionen sowjetischer Ingenieure, Lehrer, Architekten, Ärzte, Wissenschaftler und Künstler, für die es selbstverständlich war, dicke Literaturzeitschriften im Abonnement zu beziehen, Klassikerausgaben nicht nur im Schrank stehen, sondern auch gelesen zu haben, sich für europäisches Kino und europäische Musik zu interessieren. Niemand beschrieb das Leben dieser Menschen besser als Trifonow, nirgendwo fanden diese Menschen sich mehr wieder, als in seinen Moskauer Novellen und Romanen "Der Tausch", "Langer Abschied" und eben in "Das Haus an der Moskwa". Trifonows ungebrochene Beliebtheit deutet an, dass sich im Leben dieser Menschen trotz aller sozialen Veränderungen der letzten 20 Jahre möglicherweise weniger verändert hat, als man meinen könnte.

Etwas anderes ist ohnehin offensichtlich: Trifonow hat keinen Nachfolger gefunden. Weder Wiktor Jerofejew noch Wiktor Pelewin und schon gar nicht Wladimir Sorokin sind willens und in der Lage, das reale Leben in Moskau in realistischer Prosa abzubilden. Wahrscheinlich deshalb, weil das viel schwerer ist, als der postmoderne Budenzauber, mit dem die Schriftsteller der Generation nach Trifonow ihrem Publikum seit 20 Jahren den Verstand vernebeln.

Juri Trifonow: "Das Haus an der Moskwa". Aus dem Russischen von Alexander Kaempfe. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, Serie: Metropolen, Band 15, 185 Seiten.


von Uli Hufen

Im Museum des Hauses an der Moskwa

 ... Trifonows Roman "Das Verschwinden" spielt in dem berüchtigten, von Boris Iofan erbauten, Haus an der Moskwa. In den Terrorjahren Stalins wurde das riesige Haus zu einer tödlichen Menschenfalle. Juri Trifonows Vater und sein Bruder, hohe bolschewistische Funktionäre, wurden 1938 erschossen. Seine Mutter verschwand im Straflager. Trifonow wuchs bei seiner Großmutter, einer glühenden Stalinistin, auf, die sich von ihren Söhnen losgesagt hatte. Die Novelle erzählt die Geschichte einer Familie Bajukow, bis zum Verschwinden des Vaters und seines Onkels.... Das Buch blieb leider ein Fragment.

Juri Trifonows Vater Valentin Andrejewitsch

heisst in DAS VERSCHWINDEN

Nikolaj  Grigorjewitsch Bajukow

Des Vaters Bruder

Jewgeni Andrejewitsch Trifonow

ist in DAS VERSCHWINDEN Onkel Mischa

 "Juri Trifonow

hat den Felsblock der Stalinzeit

wie ein Bergmann mit dem

Preßlufthammer unermüdlich

aufgebrochen" Christa Wolf

 

"Die genaue und aufrichtige Darstellung,

wie Juri Trifonow als Junge,

seine Eltern und deren Genossen

die für sie unerwarteten tragischen

historischen Ereignisse der Jahre 1937 /38

unmittelbar erlebten, wie sie spontan

darauf reagierten und wie sie diese

zu erfassen versuchten...

Hier wird auch nach der Mitschuld

der Opfer selbst gefragt.

Was haben sie übersehen, was falsch

eingeschätzt, nolens volens gefördert

und warum?" Ralf Schröder

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Im "Haus an der Uferstrasse" leben Opfer und Täter Tür an Tür:

Sie speisen in derselben Kantine, lassen

in derselben Wäscherei ihre Hemden reinigen. Ihre Kinder

spielen im selben Innenhof - und spüren, dass etwas Schreckliches

vor sich geht. "Sprecht mit niemandem über irgendwas", hat Vater Michailow seiner Tochter Margarita eingeschärft. Ihre Freundin Maja, Tochter des Volkskommissars für das Eisenbahnwesen Lasar Kaganowitsch, flüstertihr zu: "Das Haus ist voller Spitzel." Der Portier

an der Treppe, der die Gäste in ein dickes Buch einträgt, der Fahrstuhlwärter, der jeden bis zur Wohnungstür begleitet.

 

Es gibt kein Wohngebäude in Moskau, in dem

Utopie und Schrecken der Stalinzeit bis heute so deutlich zu

spüren sind. Der 1931 fertiggestellte Komplex galt als Versuchslabor einerkommunistischen Sozialgemeinschaft.

Die Führungsriege der Partei, des Militärs und

der Regierung zog damals in das Bonzenbollwerk

ein. Und auch Stalin selbst ging im

"Haus am Ufer" ein und aus, um seine Tochter

Swetlana zu besuchen.

 

Dann kommt die Zeit, in der die politisch-soziale Paranoia angesichts eines vermeintlich überall lauernden Klassenfeinds den Höhepunkt erreicht.Der Bau mit den doppelten Wänden, den kontrollierbaren Treppenaufgängen und den abgehörten Telefonleitungen entpuppt

sich als Menschenfalle. Von Anfang an war alles auf Überwachung angelegt. So wird stets beobachtet,wie die Frau des Marshalls Michail Tuchatschewskiin Lederjacke über den Hof spaziert, um im Keller

auf dem Schießstand zu trainieren. Oder wie der Volkskommissar

für innere Angelegenheitenund Chef des Geheimdienstes, Nikolai Jeschow, betrunken in Richtung Aufgang Nummer acht

wankt. Seine Saufexzesse und seinausschweifendes Sexualleben machen ihnangreifbar. 1940 wird auch er hingerichtet - von seinen eigenen Männern.Ende des Jahres 1938steht jede fünfte Wohnung leer. Von einstmals2745 Bewohnern verhaftet der Geheimdienst zwischen 1934 und 1953 insgesamt  887.

Die Hälfte wird erschossen.

 

 Nachweislich 125 Mieter verscharrten die

Todesschwadronen in Massengräbern im Süden

der Stadt. Weitere 114 verbrannten sie und

verstreuten ihre Asche unweit des Krematoriums

beim Donskoi-Kloster. Die Spuren von 532

Hausbewohnern sind im Aktendschungel nicht

zu verfolgen. "Wer aus diesem Haus auszog,

hörte auf zu existieren", schreibt Jurij Trifonow.

Auch sein Vater wurde dort verhaftet.

Alles, was von einem Leben übrig bleibt, ist

eine Liste beschlagnahmter Gegenstände,

die Historiker in archivierten Häftlingsakten finden.

 

SIMONE SCHLINDWEIN

Die Moskauer Metrostation Lubjanka

LUBJANKA PLATZ

Hauptquartier des Geheimdienstes NKWD

Hierher wurden  die Verhafteten gebracht

Heute sitzt im Gebäudekomplex einer

ehemaligen Versicherung

der russische Geheimdienst FSB.

Das Denkmal davor

für Feliks Dzierzynski

Organisator des ersten

sowjetischen Geheimdienstes

TSCHEKA

wurde 1990 beseitigt.

Typen des Geheimdienstes NKWD

 

Verhaftete kommen

aus dem Transporter

"Schwarzer Rabe".

Sie gehen in Untersuchungshaft.

NKWD - Uniform

Untersuchungsgefängnis

BUTYRKA - Moskau

Im Innern des Butyrka-Gefängnisses, 1937

 

Auf der linken Wand steht: „Bereinige dein Gewissen,

vergiss nicht, dass früher oder später das Verbrechen aufgeklärt wird“.

Das Butyrka-Gefängnis gehört zu den

ältesten Moskauer Gefängnissen. Nach der

Oktoberrevolution war das Gebäude sowohl Untersuchungsgefängnis

als auch Ausgangspunktfür die Deportation in die Lager der

GULAG >Button:Gulag.<

Quelle: Sammlung „Memorial“, Moskau

 

„Die Zelle war bis an den Rand mit Menschen

vollgestopft. Statt der normal üblichen

20 Mann befanden sich in dieser Zelle

80 Personen. Sie lagen auf dem blanken,

kalten Zementboden, jeweils mit den Füßen

am Kopfende des anderen, und wenn einer

sich umdrehte, dann mussten sich praktisch

alle Zellenbewohner mit umdrehen.

Sofern man den Kübel für die Notdurft

aufsuchen musste, verlangte einem das

eine ziemlich große Virtuosität ab,

um nicht auf irgendjemandes Bein oder

Kopf zu treten. Die drückende Schwüle,

die stickige Luft versetzten viele in

Ohnmachtzustände.“

 

B. Sintschurin, 1940 im Alter von 20 Jahren

zum Tod durch Erschießen verurteilt,

Änderung der Strafe in zehn Jahre Lager

mit anschließender Verbannung,

1956 Verbannung aufgehoben.

 

Quelle: Sammlung „Memorial“, Krasnojarsk

Das schlimmste Untersuchungsgefängnis

in den Jahren Stalins war

das Moskauer LEFORTOWO GEFÄNGNIS,

eine "Folterhöhle".

 Plakattext:

"Rotten wir die Spione

 und Saboteure,

die trotzkistisch -

bucharinschen Agenten aus."

 

[Plakat von Sergej Igumow 1937]

 

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Was  1937, als Abschluss eines Jahrzehnts

unaufhörlicher Säuberungen, in Angriff

genommen wurde, nennt Karl Schlögel

in seinem Buch „Terror und Traum – Moskau 1937“

die „Endlösung“ der Klassenfrage.

Eine „Säuberungsarbeit“, der vorsichtig

geschätzt zwei Millionen Menschen zum Opfer

fielen, davon 800.000 durch Erschießen, die

anderen infolge der Haftbedingungen.

 

Für alles, was im Lande schief ging, wurden Schuldige gefunden: Zug- oder Bergwerksunfälle, fehlendes Brot, kaputte Traktoren und Produktionsausfälle, Missernten

und Seuchen. Dies sind die nur schwer zu lesenden Kapitel. Seitenweise wird aufgezählt, etwa (von mir nicht immer wörtlich zitiert): Von 31 Abteilungsleitern 28 erschossen, einer vergiftet, einer begeht Selbstmord,

einer überlebt, tausende von Armeekommandeuren erschossen, der neue Direktor war zwei Monate im Amt, dann wurde auch er erschossen, sein Nachfolger begeht nach drei Wochen Selbstmord, der Regisseur konnte seinen Film nicht fertig drehen, er wurde erschossen, Ehefrau und zwei Töchter wurden drei Monate später erschossen.

 

Tagelöhner, Bauern, Handwerker, Wissenschaftler, Ärzte, Architekten, einfache Parteimitglieder, Volkskommissare (=Minister), ZK- und Politbüroangehörige wurden der fantastischsten Vergehen beschuldigt, noch im Gericht oder in Gebäuden in und um Moskau erschossen und in Massengräbern verscharrt.

 

Dem NKWD wurden Verhaftungsquoten vorgegeben.

Es gab Anstrengungen, diese Planziffern zu übertreffen. Für die Killerkommandos gab es zur Belohnung eimerweise Wodka …Auch die NKWD-Führungskader, Gefängnisleitungen und sogar die Erschießungskommandos waren angeblich mit

Trotzkisten, Saboteuren und Spionen durchsetzt und wurden gnadenlos dezimiert, teilweise unter tätiger

Mithilfe hoher Parteikader und zeitgleich mit der Feier

zum zwanzigjährigen Bestehen des Geheimdienstes im Bolschoi-Theaster.

 

Besonders traf es die ausländischen Kommunisten, die sich nach Moskau geflüchtet hatten, ebenso jüdische Kommunisten sowie Angehörige der nichtrussischen Ethnien im Sowjetreich.

 

Man kann diese Seiten nur mit Mühe lesen.

Schlögel, wie andere vor ihm, etwa Koestler oder Ryklin, hellt das Mysterium der reuigen Angeklagten in den Schauprozessen auf. Am prominentesten etwa Politbüromitglied Bucharin, „Lenins Liebling“, der sich

mit einem Brief von Stalin verabschiedet. Bucharin widerspricht zwar einer Mitschuld an den detailliert vorgetragenen Verbrechen, die ihm angelastet werden, gibt aber eine Gesamtschuld zu. Er sieht in seiner Hinrichtung noch den Sieg des proletarischen Staates

und in seiner Selbstentlarvung die Überlegenheit kommunistischen Denkens. Die lange Isolationshaft

habe ihn zu diesem Klärungsprozess geführt.

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Memorial Kommunarka in Moskau

Hier wurden 123 Bewohner

des Hauses an der Moskwa erschossen

Gedenkstätte Butowo bei Moskau

Hier wurden viele Ermordete

namenlos verscharrt

Die Asche von 114 ehemaligen Bewohnern

des "Hauses an der Moskwa" wurde unweit

des Krematoriums auf dem Moskauer

DONSKOI-FRIEDHOF verstreut.

Das Haus an der Uferstraße

 

LANGER ABSCHIED

 

Sarkastisch und elegisch registriert Juri Trifonow  immer wieder, wie gleichmütig sich dieses Betontier Moskau durch alle Reste alten Lebens, durch Dörfer, Datschensiedlungen, Gärten, Felder hindurchfrißt, wie da eine austauschbare Achtstöckigkeit sich an die andere reiht, dazu Stadien, Hotels, Superläden, alles funktionstüchtig, konsumentenfreundlich, nur eben etwas unmenschlich. Immer wieder setzt er dagegen Bilder aus den dreißiger Jahren, Bilder eines dürftigeren, improvisierteren Lebens, durch das auch immer noch, schon etwas verloren, desorientiert, die Figuren von ein paar alten Onkels oder Opas stolpern, Leuten mit revolutionären Erinnerungen.

Das alles weist still, undeutlich drohend aus dem Hintergrund der Erzählungen in die jeweilige Hauptgeschichte. „Langer Abschied“ entfaltet das dichte Geflecht der Personen, Motive, Zeiten mit

einer ganz und gar unscheinbar gewordenen Meisterschaft.  Erzählt wird diese Geschichte vor

allem durch die Köpfe ihrer beiden Protagonisten,

der Schauspielerin Lalja und des erfolglosen

Literaten  Grischa, beide Ende Zwanzig,

aneinander gebunden durch eine dreizehnjährige Liebesgeschichte, seit Jahren zusammen lebend,

von Krise zu Krise, eine schöne Leichtsinnige, mit immer einsatzbereitem Mitgefühl, und ein brütender, verletzlicher, hilfsbedürftiger Intellektueller.

 

Ihr Leichtsinn und ihre caritative Güte haben Lalja abtreiben lassen in eine unverbindliche Liaison mit

dem Stückeschreiber Smoljanow, einem zwar bäurischen Menschen, doch ausgerüstet mit der praktischen Tendenz und dem angenehmen Talent, „sein Leben einzurichten, zu gestalten, wie ein Zimmer mit Möbeln Der gute Grischa, so eifersüchtig wie weltfremd, braucht eine lange Weile, um endlich

zu erkennen, was da vor seinen Schwermutsaugen passiert ist. Der ganze Hintergrund seines Lebens,

der Familie Laijas, ihrer abgelebten Hoffnungen und Enttäuschungen wird Zug um Zug in die Geschichte hineingeschrieben, bevor es so weit ist.

 

Langer Abschied

Unmerklich hat sich die Erzählung während dieses langwierigen Prozesses angereichert mit lauter Motiven, die aus ihr mehr machen als die übliche Liebesgeschichte im Dreieck. Wohin auch Trifonows Blick sich richtet, überall sieht er immer ähnliche Zusammenbrüche oder Triumphe, in der immer gleichen schwülen Restaurationsstimmung. Wer Karriere will, bezahlt mit Anpassung und macht Karriere. Wer sich nicht anpassen will, kann sich entziehen ins Bedürfnislose Pfoten hoch, oder er

wird im Kleinkrieg mit immer kleinlicheren Alltagssorgen zermürbt, wie hier vor allem die

Frauen. Aber Grischa, „vom Hochmut gepeitscht“,

will eben diese Alternative nicht unterschreiben.

In seinen langen Bibliothekstagen gräbt er sich in

die Vor- und Frühgeschichte der Revolution, in die Geschichte des russischen Anarchismus ein,

störrisch und verzweifelt. „All das hatte absolut

keine Perspektive, das sah auch ein Blöder“,

läßt ihn Trifonow zwar sagen, aber er selbst hat immerhin genau den Anarchisten-Roman

geschrieben, den sein Grischa (geboren übrigens

im gleichen Jahr wie Trifonow: 1925) nicht

zustande bringen wird („Die Zeit der Ungeduld“, besprochen von Heinrich Böll DIE ZEIT Nr. 34, 15. August 1975). Kann man, soll man deutlicher

werden? Die inbrünstigen Hoffnungen, mit denen damals unter den Zaren gebombt und gelitten

wurde, genau diese immer noch unerfüllten Hoffnungen auf ein absolut anderes Leben,

scheinen die Trauerkrankheit, an denen Trifonows Moskauer, die Erfolgreichen wie die Erfolglosen,

nun dahinsiechen.

 

Zwar, Grischa gelingt es noch, sich von Moskau

und Lalja zu lösen. Trifonow schickt ihn in einer

kurzen heroischen Episode weit in den Osten, aufbauwillig, total „ein anderer Mensch“. Ach, denkt man schon, nun ist das Positive doch wieder vom Himmel gefallen, woher auch sonst? Aber dann

folgt, um so trostloser, ein Nachschlag, eine Momentaufnahme der drei Hauptpersonen

achtzehn Jahre später, um 1970: Lalja in einem lebenstüchtigen Kreis von „Militärs, Ingenieuren, Autosportlern“‚ der Karrierist Smoljanow „verarmt, verkümmert aber Grischa endlich auf den Höhen

des Kulturbetriebs, Drehbuchautor,

Auslandsreisender, in wechselnden Liebesverhältnissen. Was ihm fehlt, ist „nur“:

das Unglück von früher. Man könnte besser

sagen: die uneingelösten Hoffnungen von früher,

vor ihrer Verdrängung, Denn Grischa wird nun einen Satz aus Dostojewskijs „Dämonen“ nicht mehr los: „Um’ glücklich zu sein, braucht der Mensch

ebensoviel Glück wie Unglück.“

 

So gelesen, mit dem Kopf immer wieder unter ihrer still elegischen Oberfläche, sind die Moskauer Erzählungen Trifonows eine wahrhaft explosive Lektüre. Dissidiert da etwa jemand, indem er

spurtreu die Linie hält? Nicht umsonst lassen sich

diese Moskauer nicht anmerken, ob sie sich durch

das letzte Lebensjahr Stalins oder in der Ära Chruschtschow oder Breschnew bewegen, denn

alle diese scheinbar so verschiedenen Zeiten sind

ja gleich weit entfernt von den wesentlichen Versprechungen der Revolution. Der Fortschritt jedenfalls, dem Trifonow zusieht, läuft

erbarmungslos in der immer falschen Richtung, serviert immer mehr materiellen Komfort und

immer mehr psychisches Elend, Entfremdung.

„Er brüllte fast, flüsternd so heißt es da einmal.

Das ist genau die Tonlage, in der Trifonow seinen Widerspruch anmeldet.

 

Enden aber seine Geschichten wirklich, wie ich eben noch behauptet habe, „trostlos“? Das war, wenn

man Heinrich Bölls Diktum annimmt, Kunst könne zwar untröstlich sein, doch nie trostlos, ganz sicher eine pathetische Übertreibung. Tröstlich an Trifonow bleibt, daß er an etwas festhält, was in den Detail-Unendlichkeiten unserer Prosa fast immer ersäuft:

an einem historischen Bewußtsein, daß er ein Gedächtnis für (scheinbar schon plattgewalzte) Hoffnungen hat, daß er auf den Nutzen eines guten Geschichts- und Geschichtengedächtnisses hofft.

Die reine Utopie, als Erwartung eines anderen

Lebens und anderer Menschen, und ein erschöpft aufseufzender Fatalismus, zwei Grundtendenzen

also der russischen Geschichte und Literatur halten diese Geschichten und ihre Menschen in Spannung. Daß „Ruhe“, „innerer Frieden“, ein „Lernen“ im Sinne von „Sich-Abfinden“ der Lebensweisheit letzter

Schluß wäre, daß „gewesen, gewesen“ bleibt, uneinholbar, unwiederbringlich, außer für ein bißchen nostalgische Nabelschau – das beten sich diese sowjetischen Kleinbürger zwar immer wieder vor,

aber ganz und gar können sie sich doch nicht beruhigen, nicht alle. Einige rebellieren mit Neurosen, andere, wie Grischa, mit ihrer historischen Erinnerung. So ein Leben hätte doch, sagt der schlichte, vorerst lebenstüchtige Smoljanow, „keine Basis“.

 

Darauf Grischa, nun wirklich brüllend:

„Was für eine Basis? Wovon reden Sie?

Schwarzerde? Bleicherde?

Fäkalien? Meine Basis – das ist die historische Erfahrung, all das, was Rußland durchgemacht

hat!“ Und fängt nun, „aus unerfindlichen Gründen“, von Urgroßvater, Großvater, Großmutter, Vater

zu schwadronieren an.

 

Aus nicht ganz so unerfindlichen Gründen hat auch Trifonow sich ins privateste Privatleben seiner

Figuren hineingekramt, in ihre Kreppsohlen- und Bescheinigungssorgen, in Liebesblindheit und Liebesverrat, in Krim-Ferien, Beerdigungen, Haßausbrüche beim Geburtstagskaffee. Noch der geschichtsloseste Kleinkram verrät da immer,

was die Stunde geschlagen hat. Ich habe lange nicht aus zwei so schmalen Büchern so viel erfahren.

 

Reinhard Baumgart / DIE ZEIT / 24 -1976

Moskau 1953

Die ersten Fotos eines

französischen Fotografen,

die der "Westen" zum ersten

Male  seit 10 Jahren zu sehen bekam.

Der Held von "LANGER ABSCHIED", der junge Schriftsteller Grischa Rebrow beginnt 1953 mit der Arbeit an zwei Themen aus der Zeit der "NARODNAJA WOLJA" und Dostojewskis...

Aus allen diesen Vorhaben Rebrows  wurde nichts.:

"All dies Unvollendete, Verworrene,lag in Haufen von Konzepten in unzähligen Mappen und wartete auf seine Stunde.Plötzlich kam ein Tag, da die einstweilen

noch schüchterne, kühle, aber eine grosse Vereisung verheißende Frage ausbrach:

WOZU?"

 

Diese Problematik Rebrows markiert etwa

den Ausgangspunkt von Juri Trifonows

Arbeit an dem Roman "UNGDULD".

Und der Vergleich zwischen Rebrows

Plänen und Trifonows Roman verdeutlicht

die besondere Zielstellung und die innere

Vielschichtigkeit von "UNGEDULD".

Ralf Schröder

 

Zeit des Zögerns

 

Jurij Trifonows großer Geschichtsroman

aus dem alten Rußland

 

von Heinrich Böll

 

Eine Zigeunerin in Paris hatte dem Zaren Alexander II. prophezeit, sieben Attentate würde er überleben.

Das sechste fand im Februar 1880 statt und bestätigte die Wahrsagerin: Es war dem Tischler Stepan Chalturin gelungen,

sage und schreibe 150 Kilogramm Dynamit in das Winterpalais zu schmuggeln, und der Zar hatte diese fürchterliche Explosion

überlebt. Chalturin entkam, während die Zündschnur noch schwelte; Wachsoldaten und Personal entkamen nicht. Und obwohl die Zeichen ungünstig standen (er hatte am Abend vorher beim Whist sein

eigenes Bild vom Tisch gestoßen), ließ Alexander II. sich schon

wenige Wochen später,am 1. März 1880, ausfahren, um eine

Parade abzunehmen und bei seiner Lieblingskusine Tee zu trinken.

Wie konnte er ahnen, daß im siebtenAttentat das achte enthalten

war? (Ein Zwillingsattentat, das als Drilling geplant war,

denn als neuntes Attentat war ScheljabowsDolchstoß in Reserve gewesen, doch warScheljabow im letzten Augenblick verhaftet

worden.) So entging der Zar dem siebten Anschlag, Ryssakows

Schuß, und erlag dem achten, Grinewitzkijs Bombe, die wenige Sekunden später geworfen wurde.

 

Vorbereitungen und Ausführungen des geglückten Anschlags und einiger mißglückter Attentate bildenden Handlungsfaden dieses erstaunlichen Buchesvon Juri Trifonow. Er  begibt sich in die spannungsgeladene Tradition russischer „Langatmigkeit“ und wird

doch weder konventionell noch spekulativ. Man muß den Glücksfall

der Übersetzung von Alexander Kaempfe hinzuzählen, wenn man

sich fragt: was ist das für ein Land, fürein Volk, eine Sprache,

die nicht nur den Stoff füreinen solchen Roman vor der Tür liegen haben, sondern wo ein solcher Roman auch nochgeschrieben wird?

Wir sollten uns, denkeich, auf einiges gefaßt machen, nicht nur von Trifonow oder Woinowitsch. In Trifonows Roman wird vom Autor

weder gerichtet noch hingerichtet; Trifonow hält sich an keinerlei Klischee, weder ideologisch noch inseinen Formalitäten. Er bietet

keine Revolutionärs-Ikonographie und hält sich an kein gängiges Kritiker-Klischee, nach dem ein Roman in eine bestimmte Kategorie

zu gehören hat.

 

Er nimmt das offenbar unerschöpfliche Phänomen „russische

Nihilisten und Anarchisten im 19. Jahrhundert“ auf, und diese

historisch erfaßbare (und erfaßte), sehr heterogene Gruppe wird, obwohl sie reichlich in Aktionen und deren Vorbereitung verwickelt

ist, dennoch eher in ihren Gesprächen und Zusammenkünften erfaßt, in den geglückten Augenblicken der Solidarität, deren Zerbröckelung und Wiederherstellung durch diebeiden erstaunlichen und doch nicht hagiographisch hingestellten Männer Andrej Scheljabow und den „Hausmeister“ Alexander Michailow. Und nicht nur beim Zaren, auch bei ihnen spielen trotz Planung, ideologischer Auffrischung immer wieder das „Schicksal“ und diese unfaßbare „Zigeunerin“ hinein. Obwohl viel geschieht und viel getan wird, erscheint mir die Handlung sparsam; vorherrschend ist dievon innen und von außen betriebene Auflösung der Gruppe. Trifonow hat in diesem Roman verschiedene Romantypen, den historischen, psychologischen, den lyrischen und den Kriminalroman in- und aufeinandergebracht; diese Romantypen sind miteinander verwoben.

 

Endlose theoretische Auseinandersetzungen, Rivalitäten, Eitelkeiten, Eifersüchteleien, Torheiten, Liebenswürdigkeiten – und doch letzten Endes der Ernst des gemeinsam gefaßten Entschlusses, den Zaren

zu ermorden; und diese Tat, die der Befreiung dienen, den Aufstand auslösen sollte, wird doch nur zum Signal für eineTendenzwende: An Stelle des immerhin andeutungsweise liberalen Loris-Melikow kommt mit Alexander III. der oberste aller Reaktionäre, Konstantin Pobedonoszew, an dieMacht, und schon kurz vor dem Mord werden

aufder Straße „verdächtig aussehende Brillenträger

und Langhaarige verhaftet“.

 

Nicht nur Spitzel, auch Verräter – auf beiden Seiten. Eine der wichtigsten Figuren ist der unscheinbare,

fast unbedarfte Kleinbürger Nikolai Kletotschnikow.

Er wird als Informant der Revolutionäre in den Geheimdienst eingeschleust, bleibt der treueste Anhänger der Verschwörer,

hält bis zum bitterenEnde durch; seine Motive werden nie so

recht klar. Dieser ein bißchen wehleidige Kleinbürger hält sich jedenfalls besser als der intellektuell brillante, eitle

und ebenso fulminante Aktivist Grischka Goldenberg, der den Generalgouverneur Kropotkin ermordet hat

– und auf den ersten besten Lockspitzel und die plumpen Anbiederungen des Staatsanwalts hereinfällt. Während der unfreiwillige Verrat Goldenbergs schon schwelt, hält das Ziel

– die Ermordung des Zaren –die Gruppe ein letztes Mal zusammen – und die Utopie: „Der letzte Mord – welch eine Versuchung. Und dann beginnt das Reich der Vernunft. Die Gerechtigkeit triumphiert.“

 

Der Ungeduld der Attentäter entspricht dieses

„Zögern von fast mystischer Gewalt“ auf Seiten

des Zaren und seiner Berater, die längst fällige Reformen immer wieder verschieben. Am Vorabend seines Todes unterschreibt

der Zar den Ukas überdie Wahlmänner! Und während der

„Zeit des Zögerns“ die immer präsente, kaum definierbare

Mischung aus Gewalt, Polizeistaat,Angst, Chaos und Schlamperei.

„Die Angst war zu einer Besonderheit von Petersburg geworden,

genau wie das feuchte Klima.“ Und Chalturinberichtet über das

Schloß: „Überhaupt geht es im Schloß schlampig und chaotisch zu.

Für uns ist das natürlich von Vorteil, aber man kann nur staunen,

von welchen Schlafmützen der Schloßhaushalt geleitet wird.“

 

Düsterkeit über der Zarenfamilie. Nicht einmal die Liebschaften gedeihen zur Fröhlichkeit. Die einst so jugendlich-liebenswürdige hessische Prinzessin, die Zarin, ist verkümmert – dann kommt auch noch Verwandtenbesuch! Diese dem Zaren verhaßte „hessische Säuernis“ auf den Gesichtern dermäkligen Besucher. Und immer schwelt da was: Unglück, Unheil – oder Zündschnüre.

 

Verglichen mit der düsteren Zarenfamilie sind die Verschwörer fast fröhlich. Nicht angewiesen auf Zigeunerinnen, Chaos, Schlamperei

und Ahnungen, wissen sie, was ihnen bevorsteht. „Gelassen“, so berichtet die Stimme Frolenkos, „sprach Scheljabow davon, wie

man ihn aufhängen wird, er beschrieb sogar die Hinrichtung,“ Sie feiern Feste, singen, trinken, tanzen, ihre Rededuelle entbehren

keineswegs der formalistischen Lust, ihre Flugblätter sind brillant formuliert, ihre Druckereien, die immer wieder auffliegen, werden immer wieder als ersteneu und rasch eingerichtet. Aus

konspirativen Treffs werden Landpartien. Da gibt es eine behutsam durch den Roman transportierte, mit zärtlicher Kühle beschriebene Liebesbeziehung zwischen der „blutjungen Generalstochter“ und leidenschaftlichen Verschwörerin Sonja Petrowskaja und Andrej Scheljabow. Nach einer poetischen Beschreibungdes kargen

Zimmers, in dem die beiden sich treffen: „In diesem Zimmer

war eine Liebe, die kein Gestern und kein Morgen kannte, keine Hoffnung, keinen Tagesanbruch. Von allem und jedem gereinigt

fiel sie vom Himmel herab wie Schnee. Ihr Los war das Los des Schnees: zu vergehen.“

 

Nicht nur Unglück, Unheil und Zündschnüre

schwelen, auch die Folgen jenes Verrats aus Eitelkeit, den Grischka erst mündlich, in Geschwätzig keit, später schriftlich und ausführlich begeht. Zu spät erkennt er seinen Fehler – und begeht Selbstmord. Das Unheil läuft nicht nur auf den Zaren, auf diesen

1. März 1880 zu, auch auf die Verschwörer, denen Kletotschnikow schon nicht mehr helfen kann. Die „Zündschnüre“ laufen parallel,

und die Explosion trifft den Zaren nur um, Stunden früher.

Nach der Verhaftung tritt eine neue Sorte von Verräter auf,

der sie alle durch ein Loch in der Wand identifiziert

und ihre Rollen, ihre Tätigkeiten preisgibt: Es ist der famose Iwan (Wanjetschka) Odladskij, dieser lustige, allseits beliebte junge Bombenbastler und Laufjunge, der, offiziell zum Tode verurteilt,

von 1880 bis zum Februar 1917, 37 Jahre lang, ein Gehalt vom Polizeidepartement bezieht und erst 1925 als „Kronzeuge“ entlarvt wird; aus dem lustigen Wanjetschka ist ein Greis mit leeren, kalten Augen geworden. Schließlich die dritte Sorte Ton „Kronzeuge“, der neunzehnjährige Nikolai Ryssakow, dem Trifonow Stimme verleiht:

 

„Natürlich konnteich nichts erzählen und keinerlei Geheimnisse aufdecken. Nur ein Geheimnis hatte ich von Grund

auf begriffen: das Geheimnis des Hungers. Ich hungerte

sozusagen auf allen Ehenen. Mich plagte

der gewöhnliche Hunger nach einem Stück Fleisch,

der Hunger nach einem zusätzlichen Rubel, damit

ich mir ein Paar Schuhe kaufen konnte, der Hunger

nach Menschen, der Hunger nach Frauen. Sogar

noch fünf Minuten vor der Hinrichtung holte Dobrochinskij

(derselbe Staatsanwalt, dem

Grisoka G. auf den Leim gegangen war) irgend

was aus mir raus, Und ich glaubte und glaubte

weiter. Man hatte mir schon das Hemd

übergezogen und die Schlinge um den Hals gelegt,

und ich glaubte immer noch, daß man mir gleich

die Begnadigung verkünden würde. Aber der Henker

schlägt mir die Bank unter den Füßen weg, und ich klammere

mich mit den Füßen an die Bank – und ich klammere und

klammere und klammere mich an, denn ich hoffe bis zur

allerletzten Sekunde!“

 

Es folgt noch das Verhör Scheljabows, der sich zum „Wesen der Lehre Jesu Christi bekennt“: „Dieses Wesen nimmt unter meinen sittlichen Begründungen einen Ehrenplatz ein.“ Und das entspricht nun gewiß nicht der ideologisch klassenreinen Verschwörerhagiographie. Außerdem nimmt Scheljabow, für den dieses Verhör und der damit verbundene Auftritt vor Presse und Öffentlichkeit

zum revolutionären Kampf gehört, jede Gelegenheit wahr,

Propaganda zu Dachen – und Angst zuschüren vor einer (fiktiven) riesigen Verschwörergruppe.

 

Eins weiß man am Ende und wüßte es auch ohne

jede Geschichtskenntnis: Das Unheil, die Düsterkeit und die Zündschnüre werden weiterschwelen bis zu jenem traurigen Zögerer „Nicky“ am Ende dieses unglückseligen Reichs. Eine überraschende Wirkung dieses Romans von Trifonow: was man aus der inzwischen abgelaufenen Geschichte ja weiß, wird zurückverwandelt in Ahnung; die zwingendeFormalität des Romans versetzt einen zurück in

das Jahr. 1880, in dem man ahnt, was man ansonsten „nur“ weiß. Geschichtliches Datenwissen wird weggestaut im formalen

Ineinanderverschiedener Romantypen, bei dem der

historische Roman nur den Rahmen bildet, in

dem die Zeitlosigkeit des Problems aufgehoben ist. Wichtige Nebenerkenntnis, die man dem sehr nützlichen Personenregister verdankt: dem Strang entronnene Revolutionärinnen werden steinalt, die Jakimowa wurde sechsundachtzig, Vera Figner, die ebenfalls im Roman auftritt, neunzig.

 

Heinrich Böll - DIE ZEIT - Nr-34,

15. August 1975

 

CrID: 26571411325

NARODNAJA WOLJA

VOLKSWILLE

Attentat auf den Zaren

Alexander II.

am 1.März 1880

Akteure der "NARODNAJA WOLJA"

15. April 1881

Hinrichtung von

NARODNAJA WOLJA-Akteuren

in St.Petersburg

 

 Der Mensch ist ein Faden,

der  sich durch die Zeit zieht,

der feinste Nerv der Geschichte,

durch den man vieles beurteilen,

anmerken und bestimmen kann…

[suche] den Faden, der das

Vergangene mit der noch ferneren

Vergangenheit und mit der Zukunft

verbindet.

                               

Das gibt es also noch: ein neues Buch wird aufgeschlagen, und nach drei, vier Seiten bewegt man sich in ihm wie in einer alten Heimat. Denn Jurij Trifonow hat die Serie seiner Moskauer Erzählungen aus immer ähnlichem, man darf schon sagen, aus dem immer gleichen Stoff geschrieben. Wer also die beiden auf (west ) deutsch schon vorliegenden Geschichten („Der Tausch" und „Langer Abschied"; ZEIT vom 4. Juni 1976) gelesen hat, der läuft in jeder neuen in lauter Wiedersehen. Immer wieder treten Familienclans gegeneinander an, werden Schwiegermütter zum Problem, tote oder sterbende Väter zu Denkmälern der sowjetischen Geschichte, auf morschen Datschen oder der sommerlichen Krim brütet die Sonne, alles strampelt und watet in den unsichtbaren Netzen von Beziehungen und Intrigen, Dienstreisen werden zu Glücks- und Fluchtfahrten, Auslandsreisen verklären sich zu Gnaden- oder Sündenerfahrungen .

 

Was für ein Dschungel an Fakten, Namen, Anspielungen, wieviel Erzählstoff auf knappstem Raum. Auch Trifonows neueste Moskauer Novelle, diesmal Roman genannt, spannt einen Bogen von den fünfziger bis in die siebziger Jahre, mit kurzen Rückgriffen auf Revolutions- und Stalin Zeiten —Jurij Trifonow: Das andere Leben", Roman, aus dem Russischen von Alexander Kaempfe; C. Berteismann Verlag, München, 197 6; 207 S, 24 80 DM.

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Eine Witwe von vierzig Jahren versucht nachzudenken über ihren gestorbenen Mann, es entsteht die Beschreibung eines Verlustes, des Verlustes einer Last und einer Liebe. Diese Olga Wassiljewna muß loswerden, was bis jetzt „ihr Leben" war, loswerden durch Erinnerung. Erst dann könnte Das andere Leben" möglich werden. Wieder also erzählt Trifonow eine Moskauer Privat- und Liebesgeschichte tief unterhalb aller offiziellen sowjetischen Geschichte. Held dieses fast zwanzigjährigen Gefühlsdramas war Sergej oder Serjosha, sein Opfer OJga Wassiljewna: So traditionell 1 sind da Männer- und Frauenrollen verteilt. Auch dieser Sergej ist für Trifonow Leser wie ein guter alter Bekannter, wieder einer dieser unerreichbaren, hamletischen Intellektuellen albern und vergrübelt, vehement unentschieden, sehr liebenswert, doch für alle Liebe zu fern, ein brillanter Versager in allen Lebensbereichejj. Die ersten Jahre nach der Universität hat er in Träumereien und rätselhaftem Unernst verbummelt. Dann, endlich an einem Forschungsinstitut, wirft ef sich mit gleich unheimlichem Uberernst Jn ejae Arbeit über den zaristischen Geheim4lienst kurz vor der Februarrevolution 1917. Die Sache wuchert und wuchert, offenbar ins Unendliche. Sergej wühlt sich in die russische Geschichte, als hinge davon sein Leben ab und nicht bloß seine Karriere, der ohnehin verspätete DoktorriteL Olga Wassiljewna, die mühsame Geschichte ihrer Ehe, diese undurchdringliche Verbindung von Glück und Misere schubweise rekonstruierend, kann zunächst ihren Serjosha und das, was sie ihr Leben" nennt, auf irgendeine endgültige, klärende Weise nicht verstehen. Obwohl doch Trifonow durch ihren Kopf unermüdlich immer neue Details schickt und diese sogar in seiner üblichen Schlachtordnung formiert.

 

Denn natürlich gibt es an Sergejs Institut zielbewußte Kollegen, die ihr Berufsleben mit Kompromissen und der richtigen Konkurrenten- und Vorgesetztenbehandlung ungleich geschickter einrichten als er. Doch Serjosha, immer wenn auch ihm so eine kleine Leiter nach oben hingestellt wird, stößt sofort diese Leiter um. Ihm geht es um keinen Vorteil, nur um die „Sache". Was das für eine Sache ist, kann er auch seiner Frau nicht klarmachen. Kurz vor seinem Tode, endgültig isoliert, verliert er seinen Kopf sogar an spiritistische Studien.

Und natürlich stammt auch dieser Sergej (wie Trifonow selbst) wieder aus einer Altbolschewikenfamilie. Seine Mutter, die mit Sohn, Schwiegertochter und Enkelin zusammenlebt, läuft dort durch die Wohnung wie ein steinerner Gast, ein leibhaftiges Mahnmal der Revolution, eine ausgeglühte, doch in dramatischen Momenten immer noch prinzipientreu aufflammende Persom Ist sie enttäuscht vom Gang der Geschichte seit ihrer Revolution? Sie läßt es sich mindestens nicht anmerken.

 

Wir aber begreifen, daß Trifonow auch diesen Sergej bis gleiche Spannungsfeld zwischen Anpassung und Unnachgiebigkeit, zwischen „realen Sozialismus" und den Ideen der Revolution stellt, das alle seine Moskauer Novellen auflädt, auch und gerade, wenn sie nicht darüber reden. Was Olga Wassiljewna kaum verstehen oder wahrhaben will, macht der Roman mit trauriger Beharrlichkeit klar: daß einer, der sich nicht zeitgemäß anpassen will oder kann, schließlich auch in Moskau lästig, wunderlich, ein Lebenshindernis für seine ganze Umgebung wird.

 

So weit also läuft die Geschichte auf der Linie von Trifonows üblichen, elegischen Beweisgängen. Ein Narr, im schönen und kläglichen Sinn, wer sich vom reformistischen Sog des Moskauer Alltags nicht mittragen läßt. Für Helden ist kein Platz in diesem eher grauen als finsteren Leben. Wer Widerstand leistet, kann auf würdige Weise versteinern, wie Serjoshas Mutter, oder wird an „Herzversagen" sterben, wie Serjosha selbst. Und der Rest: wirklich nur Karriere Spießer, Revisionisten, rückgrat- und perspektivenlos Dahinvegetierende?

 

So schlicht geht die Rechnung nicht auf. Denn zum Rest gehört ja auch die zweite Hauptfigur, Olga Wassiljewna, und die ist rätselhafter, widersprüchlicher als ihr tief zerrissener Serjosha. Zwar, auf den ersten Blick scheint sie nur vertieft in eine aufreibende Ehefrauen Rolle, gelähmt von Liebeshörigkeit, von Eifersuchtswut und Verlassenheitsängsten, die ihr und ihrem Mann immer wieder die Lebensluft abwürgen. Je heftiger sie sich an ihn klammert, desto mürrischer entzieht er sich: das alte, trostlose Spiel, das im sowjetischen Moskau zu laufen scheint wie in irgendeiner bürgerlichen Metropole.

 

Aber diese Olga Wassiljewna (das wäre der erste Widerspruch) sollte doch „eigentlich" eine selbständige Person sein können. Sie arbeitet als Biochemikerin, ihr Berufsleben funktioniert, wie offenbar auch ihr nüchterner, von Logik und Materialismus der Naturwissenschaften geprägter Kopf. Und doch (neuer Widerspruch) hängt diese „eigentlich" angepaßte, „eigentlich" robuste und klare Frau an einem gründlich Unangepaßten, läßt „ihr Leben" ganz von ihm definieren, von seinen Schwierigkeiten und Konfusionen. Genau diese Widersprüche versucht Trifonow gegen Ende hin aufzuheben, ohne doch einen hellen, einen klipp und klaren Schluß zu setzen. Als Gelöste und Erlöste, als eine Emanzipierte, eine Nora der Moskauer siebziger Jahre geht diese Olga Wassiljewna aus ihrer Trauerarbeit nicht hervor. Schließlich war „ihr Leben" mit Serjosha nicht nur Unterwerfung und Sergej nicht nur ein Popanz des Patriarchats. In ihm soll sich ja nach des Autors Willen das Allerbeste der russischen Geschichte repräsentieren, jenes elementare „Nichteinverständnis", dem Sergej selbst in der Geschichte seiner Familie und seines Volkes bis zur Besessenheit und Geistesverwirrung hinterherspürt, dieses Feuer des Anti Konformismus, einer Hoffnung jenseits aller Vernunft, der Utopie. Soll und kann das, jetzt nach seinem Tod, auf den ernüchterten Naturwissenschaftskopf seiner verlassenen Frau übergreifen? Nichts weniger als das möchte Trifonow auf seinen letzten Seiten mit einer wahrhaft mystischen tour de force wahrscheinlich machen.

 

Zunächst läßt er Olga nur die kalte Negativität ihres Verlustes erleben: „Niemand ist bedauerns~dann, in einer Erinnerungsszene, die sehr ScUift und unmerklich in Traumbilder explodiert, geschieht dieser merkwürdig mystische Schub: Vor seinem Tod geschwärmt hat, scheint das „andere Leben" zu werden, das Olga Wassiljewna nun nach seinem Tod beginnen wird. Auf der letzten Seite steigt sie mit einem neuen Mann, einem kränklichen, offenbar verheirateten, den sie nur heimlich trifft, auf einen alten Kirchturm mit Blick über Moskau, wo überall, sagt Trifonow raunend und triumphierend, dieses „andere Leben" auch schon begonnen hat.

 

Die Freunde des Klipp und Klaren werden (und sollen ruhig) enttäuscht sein. Mit Realismus, und gar mit sozialistischem, ist dieses Ende nicht geschrieben. Es sieht eher so aus, als hätte Sergej seine Witwe, ihren hilflos nüchternen Kopf, in einer Art spiritistischer Mund zu Mund Beatmung zugleich von sich erlöst und mit sich erfüllt. Ihre Trauerarbeit ist zu Ende, sie ist frei. Aber ihr „anderes Leben", so müssen wir vermuten, ist den Träumen ihres verstorbenen, wirren und mürrischen Rebellen nähergekommen als „ihr Leben" gemeinsam mit ihm je war.

 

Nach diesem Roman, mit diesem Ende scheint mir Trifonow unter den neueren sowjetischen Autoren erst recht der erstaunlichste. Wie er, sich hineinwühlend in eine heillos private Liebesund Ehegeschichte, aus dieser die ganze Hoffnungslosigkeit und Hoffnung einer geschichtlichen Stunde, des „realen Sozialismus" im heutigen Moskau, zum Leuchten bringt, das ist beispiellos, ja (in jedem Wortsinne) unvergleichlich.

[Von Reinhard Baumgart]

Zur Erinnerung an Ralf Schröder

Ralf Schröder und Juri Trifonow

 

Durch die Vermittlung meines Freundes Ralf Schröder, Herausgeber und Lektor der Werke Juri Trifonows in der DDR, besuchten wir 1980 Juri Trifonow in Moskau. Ralf warnte mich vorher. "Erst wenn Juri Cognac auf den Tisch bringt, hast Du Eindruck auf ihn gemacht."

Nach etwa drei Stunden liess Juri Trifonow

Cognac auf den Tisch bringen.

 

Es folgt ein Artikel von

 

Fritz Mierau

 

Ralf Schröders Kollege

 

im DDR–Verlag VOLK&WELT

 

»Roman der Seele,

Roman der Geschichte«?

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 Ralf Schröder

[4. November 1927 - 15. April 2001]

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Die Umstände der Lebensarbeit des Russisten Ralf Schröder (1927-2001) erweisen sich mit ihren Aufbrüchen und Abbrüchen in vieler Hinsicht als symptomatisch für den Status eines kritischen Partei-Intellektuellen der DDR: Er fand sich so gebraucht und gefördert wie beargwöhnt und verfolgt.


Vom kommunistischen Elternhaus her gegen den Nationalsozialismus gefeit, war der junge Mann früh empfänglich für das Denksystem und Aktionsprogramm des Leninismus, wie es die Sieger über Hitler nach Deutschland brachten. Als Student der russischen Literatur und Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wurde er ein Aktivist der ersten Stunde. Der Sonderlehrgang für den slawistischen Nachwuchs an der Humboldt-Universität, den er 1950/51 zum Abschluß seines Studiums besuchte, befugte den 25jährigen zur Lehre, die er  auch 1951 sofort von der Universität Greifswald übertragen bekam.1


Ralf Schröder stand Mitte der fünfziger Jahre im Begriff, weit über die Russistik hinaus in der Öffentlichkeit der DDR eine führende Stellung einzunehmen. Der Weg schien deutlich bereitet: 1947 Beitritt zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. 1948 Besuch eines Studentenkurses der Kreisparteischule in Berlin-Kaulsdorf. März 1948 Teilnahme am II. Deutschen Volkskongreß für Einheit und gerechten Frieden. Mai 1951 vom Sonderlehrgang zum I. Deutschen Kulturkongreß nach Leipzig entsandt. 1951-1957 Vorlesungen an den Universitäten Greifswald und Leipzig zur sowjetischen Literatur, parallel Gastvorlesungen an der Zentralen Parteischule der SED, am Institut für Gesellschaftswissenschaften des ZK der SED, auf zentralen Aspirantenseminaren und Vorbereitungslehrgängen für das Auslandsstudium. 1952 Berufung in den wissenschaftlichen Beirat für Slawistik beim Staatssekretariat für Hochschulwesen der DDR. Seit 1955 Mitglied der Parteileitung der Grundorganisation Slawisten/Romanisten an der Universität Leipzig. Zirkelleiter im Parteilehrjahr. 1957 sechswöchiger Aufenthalt in Moskau, wo er seine Studien zu Maxim Gorki vervollständigte, dessen Roman »Foma Gordejew« seine im gleichen Jahr verteidigte Dissertation gewidmet war.


Inzwischen waren größere Arbeiten Schröders über Maxim Gorki auch schon im Druck erschienen, so das monographische Vorwort zum Maxim-Gorki-Lesebuch (drei Auflagen 1953-1957), das Nachwort zu »Foma Gordejew« sowie eine teils kritische Rezension zur Gorki-Ausgabe des Aufbau-Verlags Berlin in der Zeitschrift »Aufbau«. Mit Wolf Düwel, einem Bekannten aus dem Kreis des Sonderlehrgangs, nun Lektor für Slawistik im Aufbau-Verlag, gab es Gespräche über eine Dostojewski-Ausgabe einschließlich der »Dämonen« und über eine Geschichte der sowjetischen Literatur, die zweifellos Georg Lukács verpflichtet gewesen wäre, der im Vorwort zur dritten Auflage seines Buchs »Der russische Realismus in der Weltliteratur« im September 1951 geschrieben hatte:


»Die Sowjetliteratur umfaßt ein ungeheures Gebiet. Um sie wissenschaftlich behandeln zu können, müßte man nicht nur alle ihre wesentlichen Produkte genau kennen, sondern auch deren Entstehungsgeschichte im gesellschaftlichen wie im künstlerischen Sinn, die Wandlungen der kritischen Stellungnahme zu den einzelnen Werken, ihre Wirkungsgeschichte, die äußere und innere Entwicklung der wichtigen Autoren, die intimen Zusammenhänge in den künstlerischen Richtungskämpfen usw.usw.« Dies sei nötig, weil kein Volk »heute die Probleme seiner eigenen literarischen Weiterentwicklung befriedigend lösen« könne, ohne sich mit den Neuerungen der Sowjetliteratur auseinanderzusetzen.2 Es war zu erwarten, daß Ralf Schröder sich im September 1958 auf dem IV. Internationalen Slawistenkongreß in Moskau in diesem Sinne äußern würde.


Zwei Angebote, als verantwortlicher Kulturpolitiker zu arbeiten, lehnte er 1957 mit dem Hinweis auf seine vorwiegend wissenschaftlichen Interessen ab: den Posten eines leitenden Lektors beim Verlag Kultur und Fortschritt, dem Verlag für sowjetische Literatur, und die Dozentenstelle an dem von Alfred Kurella geleiteten Leipziger Institut für Literatur.


Die generelle Überschätzung der politischen Wirksamkeit von Literatur und Literaturgeschichtsschreibung machte Ralf Schröder zu einem für seine Partei gleichermaßen nützlichen und verdächtigen Historiker und Ideologen, zumal er seine geschichtsspekulativen Neigungen mit sozialpädagogischem Ungestüm kundzutun pflegte: Leicht gewann er Kollegen und Studenten zu Proselyten. Solange er sich da an die Normen der sowjetischen Literaturgeschichte hielt, wie sie im September 1953 unter seiner Mitwirkung als »Studienplan Nr. 73 und 73 A« - noch gut stalinistisch - festgelegt worden waren, gab es keine Bedenken. Sobald aber der nun knapp 30jährige nach den Aufständen des 17. Juni 1953 , definitiv nach dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 mit Doktrin und Praxis seiner Partei in Konflikt kam, wurde sein beredter Einsatz zur Gefahr.


Ralf Schröder geriet in die Überwachungsmaschinerie des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, verlor seine Parteimitgliedschaft und wurde 1958 wegen Bildung einer staatsfeindlichen Gruppe zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, wovon ihm 1964 auf Grund einer allgemeinen Amnestie zwei Jahre in eine Bewährungsfrist umgewandelt wurden: Überwacht seit 1957 und seit 1970 selber verpflichteter Überwacher. Noch sein Verstummen, sein Rückzug aus der Öffentlichkeit nach dem Zusammenbruch des Staatsapparats und nach seiner Rehabilitierung im Jahr 1990 dürfte auf das Schweigegebot in der Verpflichtungserklärung von 1970 zurück-

zuführen sein.


Aus dem obligatorischen Studium des »Kurzen Lehrgangs« der Geschichte der KPdSU (B) kannte Ralf Schröder alle Finessen und Risiken von Fraktions- und Gruppenbildung, taktischen Bündnissen, Exkommunikation und Exekution zu gut, um sich über die Folgen seiner Entscheidungen im Unklaren zu sein. Der von Stalin redigierte und noch mit seinem Bild als vierter Klassiker des Marxismus versehene »Kurze Lehrgang« von 1938 schloß mit dem berüchtigten Kapitel über »Die Liquidierung der Überreste der bucharinschen-trotzkistischen Spione, Schädlinge und Landesverräter«. Und Schröder hatte sogar in der ersten Auflage des Maxim-Gorki-Lesebuchs von 1953 neben seinem Vorwort die Anklagerede des Staatsanwalts der UdSSR, Andrej Wyschinski (1883-1952), gegen die angeblichen Mörder des Dichters dulden müssen: Rykow, Bucharin, Jenukidse und Tomski hätten nach den »Direktiven« des »Oberbanditen Trotzki« den Mord an Maxim Gorki als ein »Element des Sturzes der Sowjetmacht« verübt.


Sehenden Auges begab sich Ralf Schröder in Gefahr, als er 1956 den stalinkritischen Ansatz der sowjetischen Kommunisten um Chrustschow endgültig in einen kaum noch verdeckten protrotzkistischen wendete, mit seinen Genossen in der SED-Grundorganisation Konsequenzen für die konzeptionelle und personelle Führung der SED verlangte und auf einer Parteiversammlung beschließen ließ. Nun zeigte sich die sowjetische Literatur mit dem frühen Ehrenburg, mit Sostschenko, Babel, Pilnjak oder Samjatin als eine wahre Schatzkammer an Argumenten zur Kritik des bürokratischen Führungsstils, des »Kasernenkommunismus« , wozu Schröder noch in seine Vorlesungen – ohne die Namen der Autoren zu nennen – die Erkenntnisse Leo Trotzkis, Ruth Fischers, Isaac Deutschers und Wolfgang Leonhards einführte.


Allerdings hat Schröder seinen Konflikt ursprünglich als einen Kampf zwischen Parteieliten begriffen und ist, als im Untersuchungsverfahren der Staatsverrat-Paragraph 13 des Strafrechtsergänzungsgesetzes vom 11. Dezember 1957 für die Beschreibung seines Falls herangezogen wurde, bemüht gewesen, seine Treue zum Staat DDR darzustellen, zu einem »sauberen Sozialismus«, wie er während der Verhöre einmal sagte, zu einem »inoffiziellen Leninismus«, wie er mit Trotzki hätte sagen können.3


Einen Philologen zu zehn Jahren Zuchthaus zu verurteilen, weil er u.a. die Partei- und Gesellschaftskritik der frühen sowjetischen Literatur auf die frühe DDR anwendete, mußte Ralf Schröder wie das unfreiwillige Eingeständnis argumentativer Unterlegenheit anmuten: Drastischer hätte dieses nicht ausfallen können.


Aus den Aufzeichnungen des Zelleninformators mit dem Decknamen »Edelweiß«, der Schröder von September 1957 bis September 1958 beigegeben war und dessen Funktion ihm natürlich nicht verborgen blieb, ist – bei aller Vorsicht gegenüber derlei Meldungen – manches von seinen Überlegungen und Annahmen während der

Untersuchungshaft zu erfahren. 4


Daß der Prozeß eine Unterbrechung, wenn nicht einen Abbruch seiner Arbeiten bedeutete, war Schröder von vornherein klar, wenn er auch anfangs nur mit einer Gefängnisstrafe von zwei, höchstens fünf Jahren rechnete und überhaupt eine Parteistrafe für ausreichend hielt. Seine Lehrtätigkeit werde zu Ende sein, er werde künftig einen Maulkorb tragen müssen (25. September 1957) oder sogar nach der Haft, auch unter besseren äußeren Umständen zeit seines Lebens ein Gefangener bleiben (7. Mai 1958). Zu erwägen wäre die Emigration nach London (13. Januar 1958) und die Niederschrift eines Buches »Sozialismus – Stalinismus«, das über BBC gesendet werden könnte

(17. Februar 1958).


Woran Schröder besonders lag, war, seine Lehrer aus der Sache herauszuhalten. Das betraf in Berlin Edel Mirowa-Florin, Lehrbeauftragte für sowjetische Literatur an der Humboldt-Universität, die ihn beim slawistischen Sonderlehrgang unterrichtet hatte, Betreuerin seiner Dissertation war und in deren Haus er auch ihren Mann, Peter Florin, einen führenden Außenpolitiker im ZK der SED kennengelernt hatte. Und in Leipzig den Gastprofessor Stepan Kljujew, dem Schröder als Assistent und persönlicher Betreuer von 1955-1957 nahe gekommen war. Hier galt es zu betonen, daß er von beiden zwar in seiner neuen Sicht auf die frühe sowjetische Literatur bestätigt worden sei, daß sie aber von seiner Gruppenbildung nichts gewußt hätten.


Wollte Schröder eine personelle Verbindung in die Sowjetunion damit möglichst unwahrscheinlich machen, so versuchte er, sobald das Verhör auf Staatsverrat gelenkt wurde, die Kontakte in der DDR (zum Aufbau-Verlag, zum Leipziger Kabarett »Pfeffermühle«, zu Erich Loest oder Wolfgang Harich) und die Absprachen mit Warschau, Prag, Belgrad, Budapest, Bukarest, Rom und Paris ins Absurde zu übertreiben und das Ganze ins Lächerliche zu ziehen

(26. November 1957; 17. Januar 1958).


Wovon Ralf Schröder bis zum Schluß, bis zu seinem erzwungenen Canossa-Gang (22. August 1958) überzeugt blieb, war, daß wie seinem Vorbild Leo Trotzki, wie den Opfern der sowjetischen Prozesse zwischen 1936 und 1938, auch ihm einst Gerechtigkeit widerfahren würde (27. September 1957; 17. Oktober 1957). Er habe es für seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gehalten, »junge Trotzkisten an der Uni heranzubilden« (18. Februar 1958), die marxistische Lehre den neuen Umständen anzupassen und »Marx’ Humanitätstheorie mit der Dostojewskischen« zu verbinden

(21. Februar 1958).


Es verwundert nicht, daß er es nach der Rückkehr in seinen Beruf darauf anlegte, den kritischen Ansatz der fünfziger Jahre als weiterhin, ja zunehmend angemessen vorzutragen. Universitätslehre und akademische Literaturgeschichtsschreibung blieben ihm bis zu seinem Lebensende versagt. Doch als Verlagslektor, der er von 1966-1988 war, als Herausgeber und Essayist setzte er in der DDR alle Bücher offiziell durch, deren Lektüre, Empfehlung und universitäre Verbreitung in seinem Prozeß staatsgefährdend genannt worden waren.


Ein Jahr nach Ralf Schröders Entlassung erschien in den renommierten »Weimarer Beiträgen« ein Vorabdruck aus seiner im Zuchthaus konzipierten und in ersten Fassungen niedergeschriebenen Monographie »Gorkis Erneuerung der Fausttradition: Faust-Modelle im russischen geschichtsphilosophischen Roman«, die dann 1971 als Buch herauskam. Die Abhandlung umriß mit ihren vielen Exkursen Konzept und Programm der kommenden Jahrzehnte. Schröder entwarf das grandiose Bild der Welt des russischen Romans: ins eins erlebt, in eins gesetzt das 19. und das 20. Jahrhundert. Das 19. Jahrhundert Gogols, Dostojewskis und Tolstois.

 

Das 20. Jahrhundert in seinem Aufgang mit Maxim Gorki, Ehrenburg, Olescha, Bulgakow und Tynjanow und in seinem Ausgang mit Trifonow, Tendrjakow, Aitmatow und Okudshawa. »Roman der Seele, Roman der Geschichte« nannte er 1986 eine Zusammenschau, die der Leipziger Reclam-Verlag druckte – Bilanz seiner Editionen und Studien. Die Nähe, die Ralf Schröder zu den geliebten Autoren und ihren Büchern empfand, hat er selbst nicht genauer beschreiben können als mit dem Titel eines auch seit der Zuchthauszeit geplanten Buches, an dem er die letzten Jahre arbeitete - seines »Romans mit der russischen Literatur«. Schröder favorisierte den, wie er schrieb, »historisch lotenden polyphonen Bewußtseinsroman«, den er in der späteren sowjetischen Literatur vor allem bei seinem Freund Juri Trifonow ausgebildet fand: Trifonow entfalte seine modernen »Familiengeschichten« zu einem »analytischen Epochenbild«. »In ihnen werden auch die Grundfragen der Epoche: Wer – wen? Wer – wofür? Wer – mit welchen Mitteln? neu gestellt und beantwortet.« Der »Roman mit der Geschichte« sei Trifonows zentrales Thema – die »Liebesbeziehung der russischen Intelligenz mit der Geschichte, der rätselhaften Geliebten, die weder durch gewaltsamen voluntaristischen Ansturm noch durch idealistische Schwärmerei oder gar durch opportunistische Anpassung

zu erobern ist.«5


Ralf Schröder wurde der bekannteste und beliebteste Russist der DDR. In hunderten von Vorträgen gewann er der Literatur seiner Wahl eine Leserschaft ohnegleichen. Seine Ausgaben gehörten zur begehrtesten Lektüre der Republik und brachten ihm Bewunderung, Einfluß und Dankbarkeit ein. Der Hoyerswerdaer Kunstverein, in dem allein Schröder 1979-1988 zwölf Vorträge hielt, schätzte ihn als einen »Freund und Ermutiger«, der, wie Martin Schmidt schrieb, »uns mehr als ein Fenster zur Welt öffnete«.6 Die Verleger, etwa Jürger Teller von Reclam, konnten nur staunen, was dieser bis zur Provokation »anregende und aufregende, vor lauter neuen Ideen übersprudelnde Entdecker« ständig vorbrachte.7 Leonhard Kossuth, der ihn 1966 zu Kultur und Fortschritt/Volk und Welt geholt hatte, meinte rückblickend, Schröder habe wohl immer schon gewußt, was sein Freund Juri Trifonow »aus seinem Tintenfaß herausholen würde, ehe der überhaupt seinen ›Federkiel‹ eingetunkt hatte«.8 Thomas Reschke sah in Schröder den Meinungsführer9 auf seinem Gebiet und war mit von der Partie, als der einige von der sowjetischen Zensur gestrichene Passagen bei Bulgakow und Trifonow in die Volk-und-Welt-Ausgaben einschmuggelte.10 Und Volker Braun rief den spekulativen Geist unter den DDR-Russisten am Schluß des Textes »Raskolnikow Trotzki Gorbatschow«, seines Abgesangs auf die Sowjetunion, um Hilfe an, als es um den Fortgang des »Romans mit der Geschichte« ging: »...helfen Sie mir, Schröder, den Gedanken zu finden...« Es gebe in diesem »Roman« eben keine durchgehende Handlung, sondern auch freie Stellen; aber an diesen »freien Stellen« kämen die neuen Themen, die neuen Gedanken auf.11


Um diese ständig beargwöhnte Arbeit nicht zu gefährden und sie womöglich abzusichern, hatte sich Ralf Schröder 1970 entschlossen, das Angebot des Ministeriums für Staatssicherheit anzunehmen, als Inoffizieller Mitarbeiter im Verlag Volk und Welt tätig zu sein, und sich auf ein Doppelleben eingelassen. Das Vorgespräch fand im Café Praha statt, Treffs gab es meist in der Konspirativen Wohnung »Anita Haase«, wo er am 6. Mai 1970 die Verpflichtungserklärung unterschrieb: Die Möglichkeiten »freiwilliger Unterstützung« werden »letztlich nach meiner Einschätzung bestimmt«. Im Interesse der Geheimhaltung werde er sich gegebenenfalls mit seinem »zweiten Vornamen Karl« nennen.


Das Ministerium erwartete von »Karl« im Rahmen des allgemeinen Auftrags, auf die »für das Lektorat tätigen freiberuflichen Lektoren, Gutachter, Übersetzer und Herausgeber« zu achten, und speziell die Überwachung des Übersetzers und Redakteurs Thomas Reschke sowie der Lektorin Ingrid Krüger vom Darmstädter Luchterhand-Verlag, die als Verantwortliche für Lizenznahmen übersetzter Literatur häufig in der DDR zu Gast war. Aktenvermerk vom 26. April 1971: »Der IMV ›Karl‹ ist beauftragt, seine persönlichen Verbindungen zu Reschke auszubauen mit dem Ziel, in den Verbindungskreis des Reschke einzudringen, die feindlichen Pläne und Absichten aufzudecken und Beweise strafrechtlich relevanter Handlungen zu erarbeiten.« Thomas Reschke sollte politisch diskreditiert und als ein Störenfried aus dem Verlag gedrängt werden. Glücklicherweise mißlang dieser infame Versuch des Ministeriums, Thomas Reschkes Arbeit zu kriminalisieren.


»Karl« wurde seinerseits selbstverständlich überwacht. Im Verlag zumindest durch die Außenmitarbeiter  Alfred Antkowiak (»Roiber«) und Herbert Krempien (»Jürgen«) und bei seinen Vorträgen von den IMs der Einlader – gelegentlich war das ein und dieselbe Person. Der Führungsoffizier von der HA XX/7/IV, Hauptmann Gütling, zeigte sich nach zehn Jahren Zusammenarbeit und den vielen Treffs in der »Anita Haase« mit »Karl« recht unzufrieden. In einem Bericht, der einleitend die Kombination von »Wiedergutmachung« und »Rückendeckung« als Ambition des IM beschreibt, moniert er am 14. Januar 1980 bei dem »ständig auf Anerkennung orientierten Wissenschaftlertyp« vor allem die Disziplin. Der IM trage ständig eine »Mischung von realem Sozialismus, Trotzkismus, ›demokratischem‹ und ›jugoslawischem‹ Sozialismus« vor, liefere jedoch außer »Berichten über Stimmungen und zu Personen aus dem Lektorat ›Sowjetliteratur‹« im Rahmen der »Wer ist wer«-Aufklärung »kaum operativ auswertbare Informationen«.12


Als kurz nach Ralf Schröders Tod sein Doppelleben öffentlich bekannt wurde, war es Erich Loest, der Leipziger Gefährte aus den fünfziger Jahren und Mitangeklagte im Prozeß von 1957/1958, der sein Unverständnis für so eine Entscheidung in aller Schärfe äußerte. Loest hatte schon 1981 in »Durch die Erde ein Riß« skeptisch von Schröder gesprochen, damals nannte er ihn »Lehmann«.13 Nun warf er ihm vor, »durch zügelloses Geschwafel über Stalinismus und Trotzkismus und die Notwendigkeit Ulbricht abzulösen«, die Verhaftungswelle ausgelöst zu haben, seinen Vernehmern und Richtern zum Munde geredet und sich sieben Jahre nach der Entlassung seinen Peinigern zur Verfügung gestellt zu haben, um Thomas Reschke zu überwachen. »... das verstehe, wer kann. Die Bewußtseinstrübung und -spaltung eines Alkoholikers?«14


Tatsächlich bleibt zu fragen, wie Ralf Schröder die Schicksale seiner Autoren und ihrer Helden mit dem eigenen Schicksal verknüpft sah, wie er sein Doppelleben als Überwachter und Überwacher in einer Diktatur begriff. Arbeitete er als Partisan im eigenen Lager, wie ihn Georg Lukács in seinem Selbstbildnis mit Blick auf die dreißiger Jahre in Moskau gezeichnet hat?15 Mußte er damit leben, wie Werner Mittenzwei sein Lebensfazit formulierte, daß der »gefährliche und irritierende Weg der Erkenntnis« immer auch mit dem Verhängnis verbunden sei, »in Dienst genommen zu werden«?16 Folgte er Alexander Bloks aus Novalis geschöpfter romantischer Geschichtssicht, nach der das Leben in der banal-chronologischen »Kalenderzeit« mit ihren taktischen Zwängen durch ein anderes, eigentliches Leben in der »musikalischen Zeit« gerechtfertigt werde?17


»Wett-Sujet gegen SED-Führung gewonnen, aber dank Anschluß zum Teufel«, heißt es in Schröders Aufzeichnungen zum geplanten »Roman mit der russischen Literatur«. Wobei er immer betonte, daß Teufelspakt nicht Seelenverkauf bedeute. Von der geplanten Ausgabe dieses »Romans« sind neue Aufschlüsse über sein Selbstverständnis zu erwarten.

 

Fritz Mierau, geb. 1934, Slawist; Herausgeber, Essayist

und Übersetzer; lebt in Berlin.

1    Zu Leben und Werk s. die dreiteilige von Willi Beitz und Winfried Schröder herausgegebene Dokumentation: 1 Das schwierige Leben eines bedeutenden Slawisten; 2 Vom Reifen der Alternativen; 3 Ralf Schröder – zu Leben und Werk. Leipzig 2003-2005. Rez. von Werner Röhr, »Es gibt keine endgültigen Zäsuren«. Ein Marxist in der DDR. In: Junge Welt vom 15. April 2004. Vgl. auch Anne Hartmann, Wolfgang Eggeling, Sowjetische Präsenz im kulturellen Leben der SBZ und frühen DDR 1945-1953. Berlin 1998. Zum Sonderlehrgang: Annette Leo, Leben als Balance-Akt. Wolfgang Steinitz: Kommunist, Jude, Wissenschaftler. Berlin 2004.


2    Georg Lukács, Der russische Realismus in der Weltliteratur. Berlin 1952, S. 14.


3    »Der offizielle Leninismus ist vom bürokratischen Epigonentum mit den Stiefelabsätzen zertreten und zerstampft worden. Aber der inoffizielle Leninismus lebt.« In: Leo Trotzki, Gegen den Nationalkommunismus. Berlin 1931, S. 34.


4    »Edelweiß«, In Sachen Schröder. In: BStU. MfS/BV Halle. Ref. XII/Archiv. AU 22/59. Band 12b. Beiakte.


5    Ralf Schröder, Roman der Seele, Roman der Geschichte. Zur ästhetischen Selbstfindung bei Ehrenburg, Bulgakow, Aitmatow, Trifonow, Okudshawa. Leipzig 1986, S. 39, 207.


6    Martin Schmidt am 23. April 2001 für die Sächsische Zeitung, die diese Passage in dem am 27. April veröffentlichten Text »Russische Schriftsteller vertraut gemacht« allerdings herausließ.


7    Jürgen Teller. In: Das Reclam-Buch. Heft 52. Leipzig 1978.


8    Leonhard Kossuth, Volk & Welt. Autobiographisches Zeugnis von einem legendären Verlag. Berlin 2002, S. 23. Es handelt sich um die Übernahme eines Textes von 1990.


9    Vgl. auch Thomas Reschkes Nachruf »Unbeirrt tätig« in: Neues Deutschland vom 21./22. April 2001, S. 8.


10    Thomas Reschke, Bücher haben die Wende von 1989 mit vorbereitet. In: Simone Barck, Siegfried Lokatis (Hg.), Fenster zur Welt. Eine Geschichte des DDR-Verlages Volk & Welt. Berlin 2003, S. 70, 72.


11    Volker Braun, Raskolnikow Trotzki Gorbatschow. In: Sinn und Form 1992, Heft 5, S. 707.


12    BStU. MfS AIM. 9202/91. Teil I/1. Blatt 200, 291.


13    Erich Loest, Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf. Hamburg 1981, S. 320, 332.


14    Erich Loest, Der vierte Zensor. Der Roman »Es geht seinen Gang« und die Dunkelmänner. Stuttgart/Leipzig 2003, S. 157-158.


15    Vgl. auch Fritz Mierau, Mein russisches Jahrhundert. Hamburg 2001, S. 233-234.


16    Werner Mittenzwei, Zwielicht. Auf der Suche nach dem Sinn einer vergangenen Zeit. Leipzig 2004, S. 491.


17    Alexander Blok, Die Seele des Schriftstellers; Der Zusammenbruch des Humanismus. In: Ders. Ausgewählte Werke 2 Stücke Reden Essays. Berlin 1978, S. 205-206; 300-302.

 



Die Zeit, die Jurij Trifonow beleuchtet,

ist die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts,

der Ort Moskau. Zeit und Ort werden exploriert

im Milieu der Moskauer Intellektuellen,

den bewußtesten und kritischsten Erben

der Revolution. Da wachsen zwei Jungen heran,

die sich nicht sonderlich mögen, weil sie einander

äußerlich und innerlich so ähnlich sind:

der später mittelmäßig erfolgreiche Schriftsteller

Sascha Antipow, dessen ehrgeiziges Lebenswerk,

der Roman Nikiforow-Syndrom, zum Mißerfolg

wird, und der diskret im Hintergrund verbleibende

Ich-Erzähler, der immer dann auftaucht,

wenn es Zusammenhänge zu erläutern gilt.

Doch diesmal ist der Chronist mehr als nur

ein unbeteiligter Kommentator.

Er ist Antipows Schattenbild, ebenso wie

man Antipows Romanhelden Nikiforow, der

ebenfalls an einem Roman im Roman strickt,

für die dritte Spiegelung des aufgefächerten

Schriftsteller-Ichs halten könnte.

 

Helen von Ssachno in der Süddeutschen Zeitung

 

 

ABSCHIED

 

"Viele Jahre sollten vergehen, bis er

begriff, jenes andere, das ihn die drei

Nächte in der Steppe erfüllt hatte, war das,

was keinen Namen hat und was der Mensch

immer sucht. Und am letzten Morgen,

als der Kutschwagen des Kolchosvor-

sitzenden auf dem Hügel hält, der Kuscher

Wolodka vom Bock herab grinst und

irgendwelche Zeichen macht und der blinde

Jakim stramm wie ein Soldat dasteht,

einen irdenen Topf voll Honig in den Händen,

und als das Leben zusammenstürzt und

ein Schmerz bald im Herzen, bald im Bauch

nagt und Natascha neben ihm sitzt und

ihn lächelnd anblickt, da schreibt er das

letzte Lied der Urgroßmutter auf:


"Mein Pferd ist gesattelt, vom Hof

 geht's hinaus. An die stille Donau

 soll mein Rappe mich tragen.

 Dort werde ich stehen, was ich tun

 soll mich fragen: erhängen oder

 ertränken oder zurückkehren nach Haus..."

 

ZEIT UND ORT - Verlag Volk&Welt - ex libris

1989 / S. 195-196

 

ALBTRAUM

 

"Und in der Undurchdringlichkeit der Nacht,

während es knisterte und das flüchtige Licht

der wenigen vorbeibrummenden Autos über

den Schrank und die Zimmerdecke huschten,

kam - und durchfuhr ihn eiskalt - ein Fieber-

traum, ein Augenblick des Entsetzens.

Er kann und kann nicht unter den sich auf

ihn wälzenden Leibern hervorkommen.

Er ringt nach Luft. Er kann nicht weg.

Denn aus der Dunkelheit schlägt ihm blaues,

blendendes Licht entgegen, es ist eine Lampe,

die heisse, betäubende Strahlen aussendet,

er kann nicht entfliehen, das blaue Licht macht

ihn kraftlos, nimmt ihm den Willen, schaltet

den Kopf durch Migräne aus. - die Lampe soll

nicht heilen sondern foltern. Den Scheinwerfer

aus dem das blaue Licht kommt, hält und

lenkt ein Unsichtbarer. Vielleicht sind es auch

zwei oder drei... Sie stellen die Intensität

des Lichtes ein - bald wird er durch die Hitze

wie aus einem Backofen verbrannt und

fürchtet, gleich werden die Haare Feuer

fangen, bald lässt die Hitze ein wenig

nach und er kann atmen. Sobald die Hitze

sich verstärkt, erklingt eine hohe,

brüchige Stimme:..."Sprich Hund, verfluchter".

Hergott, worüber soll er sprechen?

Er begreift voller Verzweiflung, er hat nichts,

worüber er sprechen kann. Er hat keine

Gedanken, nichts und gar nichts im Kopf.

Er krümmt sich in dem blauen Lichtstrahl,

ist wie ein vom Scheinwerfer erfasstes

Flugzeug. Er muß ausbrechen aus dem

Lichtkegel, ausreißen, ihm entgleiten und

sich retten! Nur eine kleine Bewegung,

und er könnte aus dem Lichtstrahl ins

rettende Dunkel tauchen, doch er hat

vergessen, was für eine Bewegung.

Vergessen, vergessen! Er kann sich

nicht retten. Plötzlich ist deutlich zu

sehen, daß sich hinter dem Scheinwerfer

...ein runzliges, teefarbenes Gesicht mit

einer riesigen Papirossa in der Fresse

verbirgt. Mit brüchiger Stime sagt das

Gesicht:"Nein,...Sie dürfen auf dem

Korridor nicht rauchen. Ich darf, aber

Sie nicht." - "Was soll ich denn machen?"

- "Das weiß ich nicht. Rauchen dürfen

Sie nicht, aber die Papirossa wegzuwerfen,

erlaube ich auch nicht." Es geht und geht

nicht, um keinen Preis, mit keinen

Kräften. Er will den Traum, das Entsetzen

abschütteln, das tötende Blau abwerfen,

doch sie befehlen: "Sprich!" Das ist nicht

abzuschütteln. Es ist nicht Traum, sondern

Wirklichkeit. Er richtete sich im Bett auf

und sah mit Herzklopfen aus dem Fenster

- im Schwarzen leuchtete blau und

glänzend die Mondscheibe..."

 

ZEIT UND ORT -Verlag Volk&Welt - exlibris

1989 / S. 237 - 239



 

Juri Trifonows Bücher

 

           Ausgewählte Werke Band 1-4

           Berlin,Volk und Welt, 1983

 

Ungeduld, Berlin: Volk und Welt, 1975

 

           Die Zeit der Ungeduld, DTV, 1983

 

Langer Abschied, Berlin: Volk und Welt, 1975

 

Das andere Leben, Berlin: Volk und Welt, 1978

 

Starik, München: C. Bertelsmann, 1979

 

Widerschein des Feuers, Köln: Luchterhand, 1979

 

Der Alte, Berlin: Volk und Welt, 1980

 

Das Haus an der Uferstraße, Berlin: Volk und Welt, 1983

 

Das Verschwinden, Berlin: Volk und Welt, 1989

 

           Zeit und Ort. Das umgestürzte Haus

           Berlin, Volk und Welt, 1989

 

Ein Nachruf

 

Er war in den letzten Phasen seines Lebens das, was er in den ersten Dezennien keineswegs gewesen war: ein Mann zwischen den Fronten. Sein Vater, ein Donkosak, war ein hochverdienter Bolschewikj Organisator der Roten Garde in Petrograd gewesen, wurde aber schließlich ein Opfer stalinistischer Willkür und Raserei.

Jurij Trifonow, der Erzähler und Romancier, genoß zunächst durchaus die blendende Anerennung des Regimes, für die Novelle „Studenten" bekam er den Stalin Preis. Er gehörte 1965 bis 1970 dem Präsidium des Schriftstellerverbandes der RSFSR an, man verhielt sich aber nach und nach zu ihm distanzierter und ratloser. Man krittelte an ihm herum, wenn er das Moskauer Alltagsleben in verschiedenen Werken, so auch in der Novelle „Das Haus an der Moskwa", schilderte. Er sei zu subjektiv. Die allseits geforderte Parteilichkeit war nicht seine Sache). Seine Anschauungen seien nicht "zukunftsträchtig".

 

Er war bis zuletzt weder ein Dissident noch ein Mann duckmäuserischer Anpassung für Geschmack und Wünsche der Machthaber. Er war in einem nicht leicht zu definierenden „Niemandsland" tätig, nur scheinbar zuweilen unentschieden. In Wirklichkeit war er von unbeirrbarer Moral, ein Meister der Andeutungen und Anspielungen, des Atmosphärischen.

 

Zugleich erzog er seine Anhänger zu einer Kunst, die ein Friedrich Nietzsche gerühmt hätte: zur Kunst, zwischen den Zeilen zu lesen. „Das Haus an der Moskwa" wurde von ihm und Jürij Ljubimow dramatisiert, es wurde im Taganka Theater, der Moskauer Avantgarde Bühne, aufgeführt. Für das Kellertheater des Experimentators Oleg Tabakow wollte er, der Autor des „Tausches", des „Stariks" und anderer Arbeiten, ein Stück schreiben. Am letzten Sonnabend ist er in Moskau nach einer Nierenopperation gestorben: Es ist ein schwerer Verlust des literarischen Lebens, bei weitem nicht nur Rußlands

 

DIE ZEIT – 3. April 1981

Juri Trifonows Grab

in Moskau - Kunzewo