Kaukasusarchiv 1

1. Lolita Gagieva aus Nazran in Inguschetien

Lolita Gagieva  im Sommer 2015

14. Juli 2016

Lolita Gagieva

nach ihrer 32. Operation

in Moskau

Zur Geschichte unserer Freundschaft

 

Ich war im Februar 1997 mit dem „Hammer Forum – Hilfe für Kinder in Krisengebieten“ in Tschetschenien / Inguschetien unterwegs. Berliner Theaterakteure hatten für den Wiederaufbau eines Kinderkrankenhauses in Grozny nach laufenden Vorstellungen viel Geld gesammelt. Ich fuhr also für SPIEGEL TV mit einem Ärzteteam des HAMMER FORUMS los, um schwer  kriegsverletzter Kinder zu finden und  in deutsche Krankenhäuser zu überführen. Tagelang wurden wir aber in Nazran/Inguschetien aufgehalten. Eltern von erbkranken Kindern hatten erfahren, dass deutsche und niederländische Mediziner im Land sind. Sie hielten unser Ärzteteam geradezu fest. Vom frühen Morgen an  standen lange Schlangen vor dem Nazraner Krankenhaus, um ihre Kinder vorzustellen und um Hilfe zu ersuchen. Die Tage waren Schwerstarbeit für unsere Ärzte. Erst am vorletzten Tag gelang es uns, nach Grosny zu fahren… Der Chefarzt des Kinderkrankenhauses legte uns ein Foto eines schwer brandverletzten zwölfjährigen Mädchens vor, Lolita Gagieva aus Sernowodsk. Die Familie waren Inguschen, lebten aber schon lange an der tschetschenisch/ inguschetischen Grenze.

 

Unter grossen Schwierigkeiten gelangten wir nach Sernowodsk. Die russische Armeeführung hatte das Grenzgebiet zur Sperrzone erklärt u.s.w.u.s.f. Nun standen wir endlich vor dem Haus der Gagievs. Lautstark empfing uns Lolitas Grossmutter. Ihren verzweifelten Bericht über das ewige Unglück von Deportationen und Kriegen sendeten wir viele Male für westeuropäische TV-Stationen. Lolita wurde uns von ihrer Mutter vorgestellt. Das Unglück geschah, nachdem russische Besatzer das Haus der Gagievs räumten. Ob absichtlich oder aus Dummheit hatte ein Russe ihre Petroleumlampe mit Kerosin gefüllt. Lolita wollte sie anzünden, das Kerosin explodierte und Lolita stand in Flammen. Ihre Mutter versuchte das Feuer löschen, das gelang nicht und sie verbrannte sich ebenfalls schwer am Arm und im Gesicht. Die Grossmutter wurde  mit vollen Wassereimern zu ihrer Retterin.

 

Lolita war im Brustbereich und von der Nase abwärts schwer verletzt. Ein kleines zartes Mädchen mit halbverdecktem Gesicht stand vor uns. Die Wundern eiterten. Plastische Chirurgie kannte man im Nordkaukasus bisher nicht. Für die Besorgung eines Passes für Lolita und andere Formalitäten hatten wir  nur noch 1 ½ Tage Zeit und es gelang. Ohne jede Sentimentalität verabschiedete sich die Kleine auf dem Flugplatz von ihren Eltern. Voller Vertrauen liess sie sich in das Krankenhaus Bünde bei Bielefeld bringen. In den nächsten Jahren wurde sie,mit  notwendigen Zeitabständen, 17 x operiert…

 

Lolita lernte sehr schnell deutsch sprechen. Die Schule absolvierte sie spielend. In der neuen Universität von Magas / Inguschetien wurde eine Germanistische Fakultät eingerichtet. Lolita studierte dort und ist heute Diplomgermanistin. Sie steht mir bei meinen „Ausflügen“ im inguschetischen Theater zu Seite und durchbricht mit ihrem unglaublichen Mutterwitz und Sarkasmus auftretende Spannungen der Akteure mit ihrem deutschen Gastregisseur. Von den Männern lässt sie sich gar nichts gefallen. Voller Respekt halten sie Abstand. Sie schrieb mir gestern, dass sie in der nächsten Woche aus Moskau nach Hause zurückkehrt.

Alles Gute bis zu unserem Wiedersehen Lolita!

Dr. Ioannis Emmanoulidis – Lolitas Chirurg im Krankenhaus Bünde

Bela El - Mogaddedi erzählt über Lolita
Auf den Seiten 33 bis 35 wird noch
einmal ausführlich von Bela El - Mogaddedi
über Lolitas Rettung berichtet.
Lolitas Geschichte.pdf
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22. Februar 2014 – Lolita Gagieva im Dramatischen Theater  Grozny

Lolita arbeitete vom 18. Januar bis 30. März 2014

als Dolmetscherin und Regieassistentin

während meiner Gastinszenierung

„Prometheus im Kaukasus“

in Nazran / Inguschetien an meiner Seite.

Lolita und ich, im Herbst 2012, während

einer Vorstellung in Nazran. Rechts von mir

sitzt Madina Chadzieva,

meine langjährige Übersetzerin und wichtigste

Mitarbeiterin bei all meinen

Theaterunternehmungen im Nordkaukasus.

Zwischen Madina und mir sehen Sie

Zarema Malsagova, seit 2004 die

musikalische Leiterin meiner Inszenierungen.

Oben links,über Lolita, sitzt

Murat Sampiev,unser PROMETHEUS.

Lolita im Juli 2016

2. Rosa Malsagova

Rückschau

 

Presseinformation des

INTERNATIONALEN THEATERINSTITUTS  vom 11.09.2008

 

Rosa Malsagova, Schauspielerin und Theaterregisseurin aus Nasran (Inguschetien) gehört zu den wenigen Theaterleuten, deren Stimme aus den Konflikten im Kaukasus immer wieder zu hören ist. Auch durch die unermüdliche Arbeit des Berliner Regisseurs Peter Krüger. Nach mehreren Hilfsaktionen in Tschetschenien setzte Krüger kontinuierlich auf den Austausch mit Künstlern aus den Kaukasusrepubliken und gemeinsame Produktionen über alle nationalen, religiösen und durch diverse Interessen befeuerten Konflikte hinweg. So entstand 2004/2005 in Inguschetien mit Mitteln der Kulturstiftung des Bundes Brechts „Mutter Courage“ mit Rosa Malsagova in der Hauptrolle. Im Juni 2005 war Rosa auf Einladung des ITI und des Goethe-Instituts – in Deutschland, äußerte sich hier auch kritisch zur Lage in Inguschetien – und verlor daraufhin ihre Arbeit im Nationaltheater in Nasran. Sie engagierte sich weiter für die Aufklärung über die Situation in ihrem Heimatland, ganz konsequent als Chefredakteurin der oppositionellen Website „ingushetia.ru“.Im Sommer – immer wieder bedroht –

suchte sie politisches Asyl in Frankreich.

Für manche Beobachter gerade noch rechtzeitig:

Ihr Arbeitgeber, der Betreiber

der Website Magomed Evloev, wurde am 31. August in Inguschetien ermordet.

Broschüre IMPULS des INTERNATIONALEN THEATERINSTITUTS 02/2006 - Seite 2
Unsere Freundin und Kollegin Rosa Malsagova ist in Gefahr.
ITI 02_2006_Impuls Cassandra.pdf
PDF-Dokument [5.2 MB]

Amnesty Journal Juni 2010

 

"Inguschetien lässt mich nicht los"

 

Sie war Chefredakteurin des einzigen oppositionellen ­Mediums in der russischen Teilrepublik Inguschetien, nun lebt sie im Pariser Exil. Ein Porträt der Künstlerin und Journalistin Rosa Malsagova.

Von Matthias Sander

 

Beim Aussteigen aus der Metro am Pariser Börsenplatz fällt unter all den Anzugträgern eine Person sofort auf: Mit einer bäuerlich anmutenden Strickjacke und einem Kopftuch gekleidet bahnt sie sich entschlossen ihren Weg durch die Menge. Die Frau dreht sich um: Ja, es ist Rosa Malsagova, 53 Jahre alt, die russische, genauer gesagt inguschetisch-tschetschenische Künstlerin und Journalistin.  Der Börsenplatz mit seinen eindrucksvollen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert ist eine fast surreale Kulisse, wenn man die von Kriegen und Gewalt geprägte Geschichte von Rosa Malsagova kennt. Ihren schnellen Schritten kommt man kaum hinterher. Sind sie ein Zeichen der Entschlossenheit und Zielstrebigkeit dieser Frau, die in ihrem Pariser Asyl nie heimisch geworden ist? Oder angesichts von Todesdrohungen und Abhörmaßnahmen schlicht Vorsicht? Wahrscheinlich

eine Mischung aus beidem.

 

Im Gespräch ist Rosa Malsagova ruhig, aber bestimmt. Sie spreche wie eine Schauspielerin, sagt die Dolmetscherin. Auch Malsagovas Gestik lässt erahnen, dass sie 20 Jahre lang Schauspielerin, Regisseurin und Intendantin eines Puppentheaters in Grosny war, der tschetschenischen Hauptstadt. Während des ersten Tschetschenienkrieges floh sie nach Nasran, der größten Stadt der westlichen Nachbarrepublik Inguschetien, die sehr viele Flüchtlinge aus Tschetschenien aufnahm. Malsagova bringt es dort zur Regisseurin des Nationaltheaters.

 

"Ich war von der Politik weit entfernt", sagt sie über ihre Theaterkarriere. "Wenn, dann fand das Politische in mir seinen Ausdruck im Theater, in den Stücken, aber nicht außerhalb der Bühne." Mit dem Berliner Regisseur Peter Krüger versuchte sie 2005, Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" in Inguschetien auf die Bühne zu bringen. Inzwischen regierte der ehemalige KGB-Mann Murat Sjasikow mit autoritären Methoden die Teilrepublik. "Das Stück wurde aus politischen Gründen abgelehnt. Ich habe dafür gekämpft, dass es doch gezeigt wird." Das Stück kann schließlich zwei Mal aufgeführt werden, doch das Fernsehen verweigert die zugesagte Übertragung.

 

Als sie 2006 in Berlin ein Filmfestival besuchte, bei dem ein mit Krüger gedrehter Film gezeigt wurde, verabschiedete sich Malsagova von ihrem bisherigen Selbstverständnis: "Da habe ich endgültig den Weg des Politischen eingeschlagen."

Sie habe verstanden, welche Freiheiten man hierzulande genieße: "Die Leute konnten zeigen, was sie wollten, Ausstellungen, Fotos, Filme." Wie anders die Situation in Inguschetien: Das Theater in Nasran hatte sie zuvor fristlos entlassen - wegen einer negativen Äußerung über die politischen Machthaber. Was sie gesagt hatte? "Ich habe wenig Vertrauen in die Regierung und die Politiker. Ich glaube weder, dass sie in der Lage sind, noch den Wunsch ­haben, unser Leben zu verbessern." Von der Harmlosigkeit dieser Sätze abgesehen: Was soll eine Frau mit ihren Erfahrungen anderes sagen?

 

Malsagova stand in ihrer Heimat vor dem Nichts, zog nach Moskau und wurde Journalistin. Zwei Jahre lang schrieb sie dort für die kaukasische Zeitschrift "Dosch", die Aktivisten der ­Organisation "Memorial" sowie andere Menschenrechtler beschäftigt. Parallel wurde Malsagova Chefredakteurin des einzigen ­oppositionellen Mediums in Inguschetien, der Webseite ­ingushetiya.ru. Für das Portal schrieben anonyme Autoren, die oft aus den Schaltzentralen der Macht über die Auswüchse des "Kampfes gegen den islamistischen Terror" berichteten. Auch kritische Stimmen gegen den damaligen Präsidenten Murat Sjasikow kamen zu Wort. Die Arbeit von ingushetiya.ru wurde jedoch immer wieder stark behindert.

 

Im Juni 2008 verbot ein Moskauer Gericht die Seite wegen "Verbreitung von extremistischen Ansichten", "Versuchs nationaler Spaltung" und "Verleumdung des Staatsoberhaupts". Am 31. August 2008 wurde der Betreiber der Seite, Magomed Jewlojew, in Nasran erschossen. Dann blockierte der Provider die Internetadresse, die daraufhin umzog und sich ingushetiyaru.org nannte. Rosa Malsagova befand sich bereits seit dem 5. August 2008 auf Anraten von Freunden in Paris. Anfangs führte sie die Webseite mit Hilfe von "Reporter ohne Grenzen" weiter.

 

Im Oktober 2008 übernahm Junus-Bek Jewkurow das ­Präsidentenamt in Inguschetien. Auch viele Mitarbeiter von ­ingushetiya.ru setzten Hoffnungen in die neue Regierung. Malsagova hält ihm zugute, dass er, anders als seine Vorgänger, zunächst nicht auf Gewalt setzte. Seit jedoch im Juni 2009 ein Anschlag auf Jewkurow verübt wurde, bei dem er schwer verletzt wurde, ist die Situation bedrohlicher als je zuvor. Laut "Maschr", einer Organisation für Opferangehörige, gab es 2009 insgesamt 260 Tote, sowohl Zivilisten als auch Milizangehörige. Die Internetseite kavkaz-uzel.ru spricht gar von 319 Toten allein durch Bombenanschläge. Auch für Malsagova kommt jetzt die Bedrohung von anderer Seite: Islamisten drohen ihr mit dem Tod.

 

Die martialischen Ankündigungen der Moskauer Regierung nach den Anschlägen vom 29. März, bei denen zwei Selbstmord­attentäterinnen aus der nordkaukasischen Teilrepublik Dages­tan in der Moskauer U-Bahn 40 Menschen töteten, überraschen sie nicht: "Der Nordkaukasus stand schon vor den Anschlägen vor einem offenen Krieg", sagt Malsagova.Die erträumte Heimkehr liegt für Malsagova derzeit in weiter Ferne. Doch auch in Frankreich, dessen Sprache sie nicht spricht, ist sie nicht richtig angekommen: Sie wohnt in einem Hotel und hat keine Aufenthaltsgenehmigung, weil sie dafür ­regelmäßig arbeiten müsste. Dies ist aber wegen ihrer drei minderjährigen Kinder kaum möglich.

 

Sie wird auf Podiumsdiskussionen eingeladen, im Januar etwa von der französischen Amnesty-Sektion, die das von offizieller Seite veranstaltete "französisch-russische Jahr" kritisch begleitet. Inguschetien lässt die Journalistin nicht los: "Körperlich bin ich in Paris, aber mit meinem Kopf in Inguschetien", sagt Rosa Malsagova.

 

Der Autor ist freier Journalist und berichtet regelmäßig aus Frankreich.

Rosa arbeitete in Paris für den Rundfunksender

RADIO FRANCE INTERNATIONALE

Maxim Gorki Theater Berlin

Tschetschenien, Jahr III

Jonathan Littell:Tschetschenien,Jahr III
Das war am Donnerstag,
15.März – 20:15 Uhr
im GORKI STUDIO BERLIN
Hinter dem Gießhaus 2
10117 Berlin
TSCHETSCHENIEN, JAHR III.pdf
PDF-Dokument [162.4 KB]

Vor Rosas Wohnhaus in

99360 Neuily Plaisance - France

Ein Feature über Rosa Malsagova
"Zwischen Himmel und Erde"
Verbannt aus dem Kaukasus - SWR 2 Feature
Rosa und Frau Erbslöh.pdf
PDF-Dokument [259.8 KB]

3. Tamerlan Dzudzow aus Südossetien

Tamerlan Dzudzow - Regisseur

Ich lernte Tamerlan Dzudzow im Frühjahr 2004 durch eine Vermittlung von Rosa Malsagova kennen. Wir gastierten im nordossetischen Wladikawkas mit unserem Brechtabend

AN DIE NACHGEBORENEN.

Tamerlan war im Zuschauerraum.

Tamerlan Dzudzow war Schauspielchef in Zchinwali und häufiger Gastregisseur in Nordossetien. Er wurde 2006 auch der Kulturminister Südossetiens.

Wir hatten im Spätherbst 2008 ein Gastspiel nach Berlin geplant. Georgien griff am

8. August 2008 Südossetien an.

Ich schlug dem Berliner TAGESSPIEGEL vor,

in diesen fürchterlichen Tagen regelmässig mit Tammerlan zu telefonieren. Die Redaktion

nahm meinen Vorschlag an.

In fünf TAGESSPIEGEL - Ausgaben wurden unsere Telefongespräche vom 8. bis 24. August 2008 gedruckt. Ich gebe die Texte hier wieder.

Telefongespräche im Krieg

Heute ist TAMERLAN DZUDZOW wieder

"nur" Regisseur in Nordossetien

Wir denken über neue

gegenseitige  Gastspiele nach.

Schauspielhaus in Zchinwali / Südossetien

Fortsetzung auf der Seite KAUKASUSARCHIV 2