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Ernst Weiß (Schriftsteller)

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Ernst Weiß

Ernst Weiß (* 28. August 1882 in Brünn, Österreich-Ungarn; † 15. Juni 1940 in Paris) war ein österreichischer Arzt, Schriftsteller und literarischer Übersetzer.[1]

Kindheit und Jugend in Brünn

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Berta und Gustav Weiß, die Eltern von Ernst Weiß (vor 1887)

Ernst Weiß, aus einer jüdischen Familie stammend, war der Sohn des Tuchhändlers Gustav Weiß und dessen Ehefrau Berta, geb. Weinberg. Als Ernst Weiß geboren wurde, lebte die Familie in der Pilgramgasse 1/3 (heute: Divadelní). Am 24. November 1886 starb der Vater, und nach dessen Tod zog die Familie ein kurzes Stück weiter in eine Wohnung in der Adlergasse 34 (heute: Orlí).[2] Ernst Weiß hatte drei Geschwister, den 1880 geborenen Egon Weiß († 1953) später Richter und dann Juraprofessor an der Universität Prag, sowie Otto (ca. 1884–1941) und Alice (1886–1965), die spätere Ehefrau des bedeutenden Physiologen Emil von Skramlik. Nach dem Tod des Vaters wurde Ludwig Weinberg, vermutlich ein Bruder der Mutter, zum Vormund bestellt.[3] Über Weiß’ Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Er scheint damals Kontakt zu der vier Jahre jüngeren, gleichfalls aus Brünn stammenden späteren Schauspielerin Leopoldine Konstantin gehabt zu haben. Belegt ist dies durch einen Brief Weiß’ an Konstantin von 1916, in dem es heißt, sie sei zum Teil Vorbild der Figur Franziska in dem gleichnamigen Roman.[4]

Rückblickend schrieb Ernst Weiß 1927 über sein Leben in Brünn:

„Ich bin in Brünn geboren. Immer habe ich diese Stadt geliebt. In den letzten Jahren bin ich stets nur nach Brünn gekommen, um die alten Häuser wiederzusehen und um mich zwischen ihnen als Kind und als Junge zu fühlen, der hier zur Schule gegangen ist, und um von früh bis in die Nacht hinein durch die Wälder um Blansko zu streifen (...). Ich liebte nicht nur diese Wälder, sondern auch die Felder entlang der Nordbahn, die kleinen Orte im Rübenland, die Gegend der Kohlengruben um Rossitz und dazu eine Reihe kleiner Fabrikdörfer, die heute zu Groß-Brünn gehören...“[5]

Arzt und literarische Anfänge in Wien

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Trotz finanzieller Probleme und mehrfacher Schulwechsel (unter anderem besuchte er Gymnasien in Leitmeritz und Arnau) bestand Weiß 1902 die Matura. Anschließend begann er an den Universitäten Prag und Wien Medizin zu studieren. Dieses Studium beendete er 1908 mit der Promotion in Brünn und arbeitete danach als Chirurg in Bern bei Emil Theodor Kocher und in Berlin bei August Bier.

In Wien gehörte Weiß wohl ab etwa 1901 dem Freilicht an, einem losen Zusammenschluss junger Autoren, der von Richard Arnold Bermann gegründet worden war und zu dem, neben anderen, auch Leo Perutz, Berthold Viertel und Arthur Rundt gehörten. Bermann nannte die Gruppe später einen „von der Schulordnung nicht autorisierten Verein für Ethik und Literatur.“ Über die Zusammenkünfte wurde Protokoll geführt. Leo Perutz erinnerte sich an diese Gruppe so:

„»Freilicht« das war ein kleiner Verein von Gymnasiasten des letzten Jahrgangs (...). In einem kleinen Café gegenüber der Universität trafen sich zwanzig junge Menschen, um einander ihre lyrischen Gedichte, ihre Novellen, ihre Tragödienentwürfe und ihre ›Bruchstücke aus einem unvollendeten Roman‹ vorzulesen. Die Gedichte klangen alle, als wären sie von einer Sekretärin Rilkes, die Tragödien kamen von Strindberg her, bei den Novellen hatte Knut Hamsun höchst unfreiwillig Pate gestanden und die ›Bruchstücke aus einem Roman‹ verdankten den eben erschienen Buddenbrooks ihr dürftiges Leben.[6]

Mit Leo Perutz blieb Weiß noch lange in Kontakt. Zwischen 1907 und 1930 sind 25 Briefe von Weiß an Leo Perutz überliefert. Die beiden sandten sich ihre Bücher zu und kritisierten die Werke des anderen – was gelegentlich auch zu Spannungen führte.[7]

Bekanntschaft mit Kafka, Schiffsarzt und Weltkrieg

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Ernst Weiß als Militärarzt im Ersten Weltkrieg

Im Jahr 1911 verließ Weiß Berlin und kehrte zurück nach Wien, wo er in der Chirurgie des Wiedner Spitals arbeitete, die von Julius Schnitzler, dem jüngeren Bruder von Arthur Schnitzler, geleitet wurde. Aus dieser Zeit stammt auch sein Briefwechsel mit Martin Buber. Nach einer Erkrankung an Lungentuberkulose hatte er in den Jahren 1912 und 1913 eine Anstellung als Schiffsarzt beim österreichischen Lloyd und kam mit dem Dampfer Austria nach Indien, Japan und in die Karibik.

Im Juni 1913, dem Monat, als Weiß’ Erstling Die Galeere erschien, machte er die Bekanntschaft von Franz Kafka. In seinem Tagebuch notiert Kafka dazu:

„Vorvorgestern mit Weiß, Verfasser der Galeere. Jüdischer Arzt, Jude von der Art, die dem Typus des westeuropäischen Juden am nächsten ist und dem man sich deshalb gleich nahe fühlt.“

Franz Kafka: Tagebuch, Eintrag für den 1. Juli 1913
Rahel Sanzara (ca. 1926)

In den Jahren 1913–14 versuchte Weiß, auf die Bitte Kafkas hin, wiederholt zwischen ihm und Felice Bauer zu vermitteln. Im folgenden Jahr half Kafka Weiß dann bei den Korrekturen zu dessen zweitem Roman Der Kampf[8] (erschienen 1916, spätere Ausgaben unter dem Titel Franziska). Ebenfalls 1913 lernte Weiß Rahel Sanzara kennen, die viele Jahre seine Lebensgefährtin war.[9][10] Im Sommer 1914, kurz vor Ausbruch des Krieges, urlaubten Weiß und Rahel Sanzara für einige Tage zusammen mit Kafka im dänischen Badeort Marielyst auf der Insel Falster.[11] In seinem Tagebuch hält Kafka fest, Weiß und Sanzara hätten gestritten, weshalb er sich zur Abreise entschloss, dann aber doch blieb.[12]

1914 wurde Weiß in das k.u.k Landwehrinfanterieregiment Linz einberufen und nahm am Ersten Weltkrieg als Regimentsarzt in Ungarn und Wolhynien teil. Nach Kriegsende ließ er sich als Arzt in Prag nieder und wirkte dort in den Jahren 1919 und 1920 im Allgemeinen Krankenhaus.

Berliner Gedenktafel am Haus Luitpoldstraße 34, in Berlin-Schöneberg. Auf dieser Tafel ist Weiß’ Geburtsjahr falsch – richtig ist 1882.

Freier Schriftsteller in Berlin

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Nach einem kurzen Aufenthalt in München ließ sich Weiß Anfang 1921 in Berlin nieder. Dort arbeitete er als freier Schriftsteller, u. a. als Mitarbeiter beim Berliner Börsen-Courier. Zu Beginn dieses Jahrzehnts schrieb Weiß auch für das Theater, doch obgleich sein expressionistisches Stück Olympia 1923 in Berlin unter der Regie von Karlheinz Martin und mit Heinrich George am Renaissance-Theater uraufgeführt wurde, blieb der Erfolg aus. In seiner Rezension schrieb Alfred Döblin über diese Aufführung:

„Ich bekenne: Thema und allgemeiner Plan sind stärker und reiner als bei Wedekind. Die Durchführung wird durch Lyrik getrübt. Die Lyrik des heutigen Dramas ist sein Vorzug und Nachteil. (...) Die letzten Akte, hie und da auch die ersten, waren streckenweise verschwommen. Die Sprache lehnt sich oft auffallend an Kaiser an; öfter ergeht sie sich ganz frei und gar zu pathetisch. Das Stück wird sehr laut und errregt. Ich kann nicht verhehlen, daß es nicht sehr rührt. Weiß gewinnt nicht recht den Zugang ins Menschliche, trotz der Lyrik. Man blickt staunend in dieses schreckliche Diorama; aber der eigentliche Schrecken des Miterlebens bleibt aus.“

Alfred Döblin: „Drei Berliner Uraufführungen“, in: Prager Tagblatt, 22. März 1923[13]

In den Jahren 1926 bis 1931 lebte Weiß in Berlin-Schöneberg. Am Haus Luitpoldstraße 34 erinnert daran eine Gedenktafel (mit falschem Geburtsjahr, 1884 statt 1882). Im selben Haus wohnte zeitweise der Schriftsteller Ödön von Horváth, mit dem Weiß eng befreundet war.[14] In dieser Zeit gehörte Weiß der Gruppe 1925 an, einem losen Zusammenschluss linker Schriftsteller, zu dem u. a. auch Brecht, Döblin, Musil und Tucholsky gehörten.

Im Jahr 1928 gewann er für das Deutsche Reich bei den Olympischen Spielen in Amsterdam eine Silbermedaille im Kunst-Wettbewerb für seinen Roman Boëtius von Orlamünde. Zuständig für die Auswahl der deutschen Beiträge zum Olympischen Kunstwettbewerb war der Reichskunstwart Edwin Redslob, als Gutachter diente der Schriftsteller Oskar Loerke. Zu den Medaillengewinnern des Deutschen Reichs gehörten 1928 neben Weiß auch Rudolf Binding, der in der Kategorie Lyrische Werke für seine Reitvorschrift für eine Geliebte ebenfalls Silber gewann.[15][16][17] Da Ernst Weiß hier für das Deutsche Reich antrat, ist denkbar, dass der in Berlin lebende Weiß in den 1920er Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat.[18] Für eben diesen Roman, seit 1930 unter dem Titel Der Aristokrat erschienen, erhielt Weiß im Jahr 1930 auch den Adalbert-Stifter-Preis der Stadt Prag.[19]

In den 1920er Jahren zeigte sich Weiß modernen Kulturtechniken gegenüber sehr aufgeschlossen und besaß, wie „aus seinem Briefwechsel mit Rahel Sanzara bekannt“, (…) „eine moderne Kamera und ein Grammophon“. Weiß trat auch im Rundfunk auf. Belegt ist eine Radiolesung im Jahr 1929 sowie, im selben Jahr, seine Teilnahme an der Sendung „Kritiker und Dichter: Herbert Ihering und Ernst Weiß vor dem Mikrophon“, die von der MiRAG ausgestrahlt wurde.[20]

Exil in Prag und Paris

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Kurz nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verließ Weiß Berlin und ging nach Prag. Dort pflegte er seine Mutter bis zu deren Tod im Januar 1934. Vier Wochen später emigrierte Weiß nach Paris. Da er dort als Arzt keine Arbeitserlaubnis bekam, begann er für verschiedene Emigrantenzeitschriften zu schreiben, u. a. für Die Sammlung, Das Neue Tage-Buch und Mass und Wert. Da er mit diesen Arbeiten seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte, unterstützten ihn die Schriftsteller Thomas Mann, Stefan Zweig und ab Anfang 1938 auch die American Guild for German Cultural Freedom. Weiß hatte in dieser Zeit nicht nur finanzielle Probleme, auch seine Gesundheit litt, ein Magengeschwür war diagnostiziert worden und, wie er Stefan Zweig 1937 in einem Brief berichtete, „war er durch eine starke innere Blutung beinahe hinüber“ gewesen.[21]

Ernst Weiß letzter Roman Der Augenzeuge wurde 1939 geschrieben. In Form einer fiktiven ärztlichen Autobiographie wird von der „Heilung“ des hysterischen Kriegsblinden A. H. nach der militärischen Niederlage in einem Lazarett des deutschen Heeres Ende 1918 berichtet. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wird der Arzt, weil Augenzeuge, in ein Konzentrationslager verbracht: Sein Wissen um die Krankheit des A. H. könnte den Nazis gefährlich werden. Um den Preis der Dokumentenübergabe wird „der Augenzeuge“ freigelassen und aus Deutschland ausgewiesen. Nun will er nicht mehr nur Augenzeuge sein, sondern praktisch-organisiert kämpfen und entschließt sich, im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Republikaner gegen den mit Nazideutschland politisch verbündeten Franquismus zu kämpfen.

Gescheiterte Flucht und Tod

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Als Weiß am 14. Juni 1940 den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris im Hotel Trianon, Rive Gauche[22] miterleben musste, schnitt er sich in der Badewanne seines Zimmers die Pulsadern auf, nachdem er Gift genommen hatte. Im Alter von 57 Jahren starb Ernst Weiß am 15. Juni 1940 im Krankenhaus Hôpital Lariboisière. In ihren Memoiren berichtet die Autorin Hertha Pauli „sie hätte mit Walter Mehring, Ernst Weiß und Hans Natonek nach Flucht- und Ausreisemöglichkeiten gesucht und, als kurz vorm Einmarsch der Deutschen ein Auto aufgetrieben worden war, Weiß und Natonek nicht Bescheid gesagt. ‚Natonek kam mit irgendeiner Gruppe heraus; wir fanden uns später wieder. Ernst Weiß aber fanden die Deutschen in Paris - tot. (...) Wir hatten ihn verlassen. Ich konnte es mir niemals verzeihen.‘“[23]

Sein Suizid wird literarisch im Roman Transit von Anna Seghers verarbeitet. Seghers hat sich dazu mehrmals geäußert und darauf hingewiesen, dass einige Teile der Handlung reine Erfindung sind, jedoch auch betont: „Niemand denkt bei dem recht abstrakten Buch ‚Transit‘ an wirklich lebende Menschen, aber ich weiß und einige Freunde wissen, daß der geheimnisvolle tote Schriftsteller, der nie auftaucht, weil er tot ist, etwas zu tun hat mit Ernst Weiss. Da stimmt die reine Tatsache: Er hat sich das Leben genommen beim Einzug der Deutschen in Paris in der Rue de Vaugirard.“[24]

Seit dem Tod von Ernst Weiß ist ein großer Koffer mit unveröffentlichten Manuskripten verschwunden. Auch die Lage seines Grabes ist ungeklärt.

Von Ernst Weiß gibt es einen Gedichtband (1917/1920) und drei Theaterstücke: Tanja (1919/1920), Olympia (1923) und Leonore (verschollen).[25]

Ganz überwiegend besteht das Werk von Ernst Weiß jedoch aus Romanen, wozu noch Erzählungen, Novellen, Essays und Feuilletons kommen. Das Werk lässt sich grob in zwei Phasen unterteilen. Das Frühwerk, bis etwa 1923 ist erst vom Naturalismus, dann vom Expressionismus geprägt. Die zweite Phase beginnt 1924 mit dem teilweise dokumentarischen Text „Der Fall Vukobrancovics“, bei dem es um einen realen Kriminalfall geht, und der in der Reihe Außenseiter der Gesellschaft mit anderen solchen „Kriminal“-Büchern erschien, von denen viele der Neue Sachlichkeit zuzurechnen sind. Dieser Stil und kriminalistische sowie medizinische Themen prägten Weiß’ folgende Bücher, und auch Kindheit und Jugend spielen als Sujets eine wichtige Rolle.[26] Im Laufe der Zeit sind Weiß’ Romane so in ihrer Gestaltung mehr und mehr realistisch und psychologisch geworden. Peter Engel, der Herausgeber der Werke von Ernst Weiß, spricht davon, dass „Pseudobiographien“ typisch sind für das Spätwerk von Weiß.[27]

Über den sachlichen Stil, und den Einfluss, den seine medizinische Ausbildung darauf hatte, schrieb Ernst Weiß im Jahr 1926 in Antwort auf eine Umfrage.

„Als Muster der Sachlichkeit sind immer noch unübertroffen alte Reisebeschreibungen (...) ferner die meisten wissenschaftlichen Abhandlungen über physikalische und naturwissenschaftliche Themen. Meisterhaft und für mich persönlich die einzige Schule waren die wissenschaftlich medizinischen Krankenbeschreibungen und Schilderungen abnormer Körpervorgänge durch meinen verehrten Lehrer, den Chirurgen Theodor Kocher in Bern. Dadurch, daß er sich nur an die Sache hielt, aber das Letzte aus der Sache zu ergründen suchte, nämlich den lebendig wirkenden Grund für die in möglichst einfachen Worten zu fassenden Tatsachen, Farben, Konturen, Bewegungsrhythmen, Gerüche, Tastempfindungen etc. - dadurch, daß er Wahrheit, Treue und Einfachheit am höchsten schätzte, konnte er ein Meister und ein Lehrer sein mehr als der Reporter.“

Ernst Weiß: „Reportage und Dichtung“ in: Die literarische Welt (2), 1926.[28]
Einband, Rücken und Titelblatt der Erstausgabe von Ernst Weiß: Georg Letham. Arzt und Mörder. Paul Zsolnay Verlag 1931
Einband, Rücken und Titelblatt der Erstausgabe von Ernst Weiß: Georg Letham. Arzt und Mörder. Paul Zsolnay Verlag 1931

Ernst Weiß war im literarischen Betrieb seiner Zeit gut vernetzt, das zeigen die oben in der Biografie aufgeführten Verbindungen zu anderen Autoren, Magazinen und Verlagen. Seine Werke wurden regelmäßig rezensiert und er trat im Radio auf. Zu Lebzeiten hatte Weiß jedoch mit keinem seiner Bücher einen durchschlagenden Erfolg im Sinne eines Bestsellers, etwas, das beispielsweise seiner Lebensgefährtin Rahel Sazara mit ihrem Erstlingsroman Das verlorene Kind (1926) gelang.

Nachteilig für die längerfristige Wirkung von Weiß’ Büchern war, dass er „seine Texte ja immer nur für eine begrenzte Auflagenhöhe an die Verlage gegeben, um die Freiheit eines Verlegerwechsels zu haben. Das ist für uns heute ein Vorteil und ein Nachteil zugleich bei der Recherche, weil er dafür die Texte immer wieder überarbeitet hat.“[29] Das zeigt sich auch daran, dass Weiß bei einigen seiner Bücher für spätere Auflagen den Titel änderte und z. B. Der Kampf (1916) ab 1919 unter dem Titel Franziska erschien und aus Boëtius von Orlamünde ab 1930 Der Aristokrat wurde.

Der Zahl der Auflagen, bzw. Ausgaben und der Übersetzungen nach dürften Weiß’ wirkmächtigste Bücher Georg Letham. Arzt und Mörder (1931) sein,[30] sowie die lange nach seinem Tod erstmals erschienenen Der Augenzeuge (1963) und die Novelle Jarmila (1998).

Mehrere Bücher von Ernst Weiß sind verschollen – so die zweite Fassung von Der Augenzeuge oder seine von ihm zur Veröffentlichung vorbereiteten Tagebücher; das hat seiner Wirkung geschadet. Andererseits hat die posthume Entdeckung von Der Augenzeuge und Jarmila dafür gesorgt, dass Weiß von späteren Generationen als neuer Autor entdeckt werden konnte. In den letzten Jahren sind mehrere Bücher von Weiß erstmals übersetzt worden. Auch das deutet auf eine weiter anhaltende Wirkung von zumindest Teilen seines Werkes hin.

Weiß als Übersetzer

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Weiß übersetzte die Werke französischer Autoren ins Deutsche, beispielsweise von Honoré de Balzac (Leb wohl! und Oberst Chabert), Guy de Maupassant (Pierre und Jean), Marcel Proust (Tage der Freuden), Alphonse Daudet (Tartarin aus Tarascon).[31] Einige dieser Übersetzungen werden bis heute aufgelegt. Aus dem Englischen übersetzte er z. B. den zweiten Band von Theodore Dreisers Autobiographie A Book about myself (dt. Das Buch über mich selbst. Jahre des Kampfes, Zsolnay, 1932) und James M. Cains Roman Serenade (dt.: Serenade in Mexiko, Amsterdam, Querido, 1938).

  • Die Galeere. Roman. S. Fischer, Berlin 1913.
  • Der Kampf. Roman. S. Fischer, Berlin 1916. (seit S. Fischer, Berlin 1919 u.d.T. Franziska.)
  • Das Versöhnungsfest. Eine Dichtung in vier Kreisen. In: Die weißen Blätter.(Zeitschrift), 1917.
    • Das Versöhnungsfest. Dichtungen in vier Kreisen, Georg Müller Verlag, München, 1920 (Buchausgabe der Gedichte)
  • Tiere in Ketten. Roman. S. Fischer, Berlin 1918.
  • Mensch gegen Mensch. Roman. Verlag Georg Müller, München 1919.
  • Tanja. Drama in 3 Akten. In: Der neue Daimon. (Zeitschrift), Genossenschaftsverlag, Wien 1919 (UA 1919 in Prag) (erste Buchausgabe S. Fischer, Berlin 1920)
  • Stern der Dämonen. Erzählung. Genossenschaftsverlag, Wien Leipzig 1920.
  • Franta Zlin. Novelle. Genossenschaftsverlag, Wien Leipzig 1920.
  • Nahar. Roman. Kurt Wolff Verlag, München 1922.
  • Olympia. Drama in fünf Akten, 1923. Uraufführung am 18. März 1923 durch die „Vereinigung Junge Bühne“ im Berliner Renaissance-Theater mit Agnes Straub und Heinrich George, Regie Karlheinz Martin.
  • Hodin. Erzählung. Verlag Heinrich Tillgner, Berlin 1923.
  • Die Feuerprobe. Roman. Verlag Die Schmiede, Berlin 1923.
  • Atua. Erzählungen. Kurt Wolff Verlag, München 1923.
  • Der Fall Vukobrankovics. Kriminalreportage. Die Schmiede, Berlin 1924 – dort erschienen als Teil der von Rudolf Leonhard hrsg. Reihe Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart.
  • Männer in der Nacht. Roman (um Balzac). Propyläen Verlag, Berlin 1925
  • Dämonenzug. Erzählungen. Ullstein, Berlin 1928
  • Boëtius von Orlamünde. Roman. S. Fischer, Berlin 1928. (Adalbert-Stifter-Preis, Silbermedaille der Olympischen Spiele in Amsterdam.) (seit 1930 Der Aristokrat.)
  • Das Unverlierbare. Essays. Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1928.
  • Georg Letham. Arzt und Mörder. Roman. Zsolnay, Wien 1931.
  • Der Gefängnisarzt oder Die Vaterlosen. Roman. Verlag Julius Kittls Nachf., Mährisch-Ostrau 1934.
  • Der arme Verschwender. Roman (Stefan Zweig gewidmet). Querido Verlag, Amsterdam 1936.
  • Jarmila. Novelle. Suhrkamp, 1998 u. ö. (verfasst 1937)[32]
  • Der Verführer. Roman (Thomas Mann gewidmet). Humanitas Verlag, Zürich 1938
  • Ich, der Augenzeuge. Roman. Verlag Kreißelmeier, Icking 1963.[33]
  • Der zweite Augenzeuge und andere ausgewählte Werke. 1978.
  • Die Kunst des Erzählens, Essays, Aufsätze, Schriften zur Literatur. 1982.
    • Unter dem Titel Die Ruhe in der Kunst. Ausgewählte Essays, Literaturkritiken und Selbstzeugnisse 1918–1940. Aufbau-Verlag, Weimar 1987.
  • Gesammelte Werke. 16 Bände. suhrkamp taschenbuch 1982 (st 798)
  • Thomas Diecks: Weiß, Ernst. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 27. Duncker & Humblot, Berlin 2020, ISBN 978-3-428-11208-1, S. 688–689 (deutsche-biographie.de).
  • Weiß, Ernst. In: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Band 20: Susm–Zwei. Hrsg. vom Archiv Bibliographia Judaica. De Gruyter, Berlin u. a. 2012, ISBN 978-3-598-22700-4, S. 273–284
  • Mona Wollheim: Begegnung mit Ernst Weiss. Paris 1936–40. Kreisselmeier, Icking 1970, ISBN 3-87446-032-0
  • Klaus-Peter Hinze: Ernst Weiss; Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur. Verlag der Weiss-Blaetter, Hamburg 1977.
  • Peter Engel (Hrsg.): Ernst Weiß. Suhrkamp, Frankfurt 1982, ISBN 3-518-38520-8.
  • Margarete Pazi: Ernst Weiß. Schicksal und Werk eines jüdischen mitteleuropäischen Autors in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Peter Lang, Frankfurt 1993, ISBN 3-631-45475-9.
  • Tom Kindt: Unzuverlässiges Erzählen und literarische Moderne. Eine Untersuchung der Romane von Ernst Weiß (= Studien zur deutschen Literatur, 184.) Max Niemeyer, Tübingen 2008, ISBN 978-3-484-18184-7.
  • Christiane Dätsch: Existenzproblematik und Erzählstrategie. Studien zum parabolischen Erzählen von Ernst Weiß (= Studien zur deutschen Literatur. 186). Max Niemeyer, Tübingen 2009, ISBN 978-3-484-18186-1.
  • Ingrid Kästner: Medizin und Judentum im Leben und Werk des Schriftstellers Ernst Weiß. In: Caris-Petra Heidel (Hrsg.): Jüdische Medizin – Jüdisches in der Medizin – Medizin der Juden? (= Medizin und Judentum. 10). Mabuse, Frankfurt am Main 2010, ISBN 3-940529-85-0, S. 149–160.
  • Volker Klimpel: Ernst Weiß – ein fast vergessener Chirurg und Romancier. Chirurgische Allgemeine 22. Jahrgang, 7.+8. Heft (2021), S. 329–331.
Commons: Ernst Weiß – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Ernst Weiß – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

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  1. Eintrag zu Ernst Weiß in der Deutschen Biographie
  2. So in den Adressbüchern der Stadt Brünn für 1881, bzw. 1890 - zu finden hier: https://wiki.genealogy.net/Kategorie:Adressbuch_f%C3%BCr_Br%C3%BCnn_(M%C3%A4hren)
  3. Siehe Deutsche Biografie
  4. Cornelia Heering: Ein Vorbild für die Figur der Franziska? Zum Fund eines bisher unbekannten Weiß-Briefes, 20. Februar 2026
  5. Ernst Weiß: Autobiographische Skizze, in (ders.) Die Kunst des Erzählens. Essays, Aufsätze, Schriften zur Literatur, Gesammelte Werke Band 16, Suhrkamp Verlag 1982, dort auf S. 120-123. Das Zitat findet sich auf S. 120. Diesen Text schrieb Weiß 1927 für die tschechische Ausgabe einer seiner Erzählungen. Der deutsche Text ist nicht überliefert und der wiedergegebene Wortlaut eine Rückübersetzung aus dem Tschechischen.
  6. Zu Freilicht siehe Ulrike Siebauer: Leo Perutz - „Ich kenne alles. Alles, nur nicht mich“, Gerlingen, zweite korrigierte Auflage 2001, S. 38f. ISBN 3-88350-666-4 Dort auch das Zitat von Perutz
  7. Die Briefe fand 1985 Hans-Harald Müller im Nachlass von Leo Perutz in Tel Aviv. Veröffentlicht und editiert wurden sie 1988 in Modern Austrian Literature, Vol. 21, No. 1. Online beschränkt einzusehen bei JSTOR
  8. Franz Kafka: Tagebücher, Eintrag für den 28. Juli 1914
  9. Eintrag zu Rahel Sanzara auf buecherverbrennung.de
  10. In der Deutschen Biographie heißt es: „(Lebenspartnerschaft) 1913–33 Johanna Bleschke (1894–1936), Ps. Rahel Sanzara, auch Sansara“, siehe: https://www.deutsche-biographie.de/sfz122845.html?language=de#ndbcontent
  11. Franz Kafka-Website des S.Fischer Verlags
  12. Franz Kafka: Tagebücher, Eintrag für den 28. Juli 1914
  13. Abgedruckt in Alfred Döblin: Ein Kerl muß eine Meinung haben. Berichte und Kritiken 1921-1924, München 1976, ISBN 3-423-01694-9, dort auf S. 164ff.
  14. Traugott Krischke: Ödön von Horváth. München 1980, S. 84. Horváth widmete Weiß seinen Roman Der ewige Spießer.
  15. Hiltrud Häntzschel: Marieluise Fleißer. Eine Biographie. Frankfurt am Main und Leipzig 2007, ISBN 978-3-458-17324-3 dort auf S. 142. Marieluise Fließer war von Edwin Redslob ebenfalls um einen Beitrag angefragt worden, der dann aber nicht eingereicht wurde. Im Bereich der Bildenden Künste gewannen 1928 u. a. Wilhelm Klemm und Renée Sintenis Medaillen für das Deutsche Reich.
  16. Eine vollständige Übersicht der Kategorien und eingereichten Beiträge bietet die Olympedia (auf Englisch beim Intent Archive)
  17. Übersicht zum Kunstwettbewerb 1928 beim Olympic Museum (auf Englisch)
  18. Andererseits weist jedoch Peter Engel darauf hin, dass Weiß noch 1935 - als Jude geschützt durch seinen tschechischen Pass - Berlin besucht habe, um sich dort ärztlich untersuchen zu lassen. Siehe hierzu: Peter Engel: „Nachwort“ in Ernst Weiß: Jarmila, Frankfurt am Main 1998, S. 108
  19. So im Klappentext von Der Aristokrat, Bibliothek Suhrkamp, 1980: „1930 erhielt er für dieses Buch den Adalbert-Stifter-Preis der Stadt Prag.“ Auf dem Vorsatzblatt derselben Ausgabe heißt es: „Die Erstausgabe erschien 1928 unter dem Titel Boëtius von Orlamünde. 1930 wurde der Roman u.a. mit dem Adalbert Stifter Preis (sic!) ausgezeichnet und wurde seither mit dem Haupttitel Der Aristokrat neu aufgelegt.“ An anderer Stelle wird hingegen – ohne Quelle – angegeben, Weiß habe für den Roman 1928 den Adalbert-Stifter-Preis des Landes Oberösterreich erhalten.
  20. Cornelia Heering: Ernst Weiß im „Zwiegespräch“ mit Herbert Ihering im Mitteldeutschen Rundfunk Leipzig 7. Juni 2026
  21. Peter Engel: „Nachwort“ in Ernst Weiß: Jarmila, Frankfurt am Main 1998, S. 100f.
  22. Das Hotel existiert noch, Adresse: 1B Rue de Vaugirard, 75006 Paris, Karte: https://www.openstreetmap.org/?#map=19/48.848767/2.340691
  23. zitiert in: Anna Seghers: Transit, Werkausgabe. Aufbau-Verlag 2001, S. 358, das Zitat von Pauli findet sich in Hertha Pauli: Der Riß der Zeit geht durch mein Herz. Ein Erlebnisbuch. Paul Zsolnay Verlag, Wien und Hamburg 1970, S. 171
  24. Zit. bei Silvia Schlenstedt, „Kommentar“, in Anna Seghers: Transit, Werkausgabe. Aufbau-Verlag 2001, S. 322ff.
  25. Über das verschollene Stück Leonore sagt Cornelia Heering: „So ist ein Dramentext „Leonore“ bis heute nicht auffindbar, Ernst Weiß hat den Kritiker Herbert Ihering mehrfach um die Rücksendung seines letzten Exemplars gebeten. Es ist jedoch belegt, dass das Stück, das dritte Theaterstück, das Ernst Weiß verfasste, aufgeführt wurde und eine Rezension erhalten hat.“ Siehe das Interview mit Heering: „Dem verlorenen und wiedergefundenen Kinde“, 21. April 2026, zu finden unter: https://ernst-weiss.de/aktuelles/dem-verlorenen-wiedergefundenen-kinde
  26. „Dem verlorenen und wiedergefundenen Kinde“, Interview mit Cornelia Heering Ernst Weiß Portal, 21. April 2026
  27. Peter Engel, Nachwort in: Ernst Weiß: Der Augenzeuge, Suhrkamp 1982, S. 223. Der Begriff "Pseudobiographien" hat, so Engel, Hermann Kesten geprägt.
  28. Abgedruckt in: Ernst Weiß: Die Kunst des Erzählens, Gesammelte Werk, Band 16, o.O., Suhrkamp Verlag 1982, dort S. 116f.
  29. Siehe die Ausführungen der Ernst-Weiß-Expertin Cornelia Heering
  30. Informationen über die ursprünglichen Auflagen bei Zsolnay Verlag Murray C. Hall: „Ernst Weiß und der Paul Zsolnay Verlag“ erschienen in: Juni. Magazin für Kultur & Politik, Nr. 20, 1994, S. 174–180.
  31. Daudet, die beiden Balzac-Texte und Freuden und Tage, dort abgelegt unter Tage der Freuden nach der Ullstein-Ausgabe 1960, sind im Projekt Gutenberg-DE lesbar.
  32. Inhalt auf der Website des Suhrkamp Verlages.
  33. Ursprünglicher Titel: Der Augenzeuge; 1963 musste der Titel aufgrund von Rechtsstreitigkeiten zeitweilig geändert werden. In der DDR erschien Weiß’ Roman als Der Augenzeuge im Aufbau-Verlag (2. Auflage Weimar, 1986); auch der Frankfurter Suhrkamp-Verlag veröffentlichte als suhrkamp-taschenbuch 2000 Weiß’ Roman unter dem ursprünglichen Titel Der Augenzeuge, ISBN 3-518-39622-6.
  34. Ein Aktendeckel mit Korrespondenz über Ernst Weiß, geschrieben von zeitgenössischen Schriftstellern; Fundstellennachweis auf Englisch, die Papiere meistens auf Deutsch