Michail Bulgakow

 

Михаил Афанасьевич Булгаков

 

 

"Feigheit ist die grösste Sünde!"

 

Vor dem Bulgakowhaus in Moskau

Uliza Bolschaja Sadowaja 10,

Wohnung 50

Innenhof

Im Treppenhaus

Vor der Tür des Bulgakow-Museums

Die Wohnung 50

Der Meister und Margarita

Originalseite des Romans

 

In dieser Wohnung arbeitete

Michail Bulgakow bis zuletzt

an seiner Menschheitsdichtung

DER MEISTER UND MARGARITA

 

 Michail Bulgakow wurde am 15. Mai 1891 in Kiew geboren und

starb am 10. März 1940 in Moskau. Nach einem Medizinstudium

arbeitete er zunächst als Landarzt, zog aber dann nach Moskau,

um sich ganz der Literatur zu widmen. Er gilt als einer der größten russischen Satiriker und hatte zeitlebens unter der stalinistischen Zensur zu leiden. Seine zahlreichen Dramen durften nicht aufgeführt werden, seine bedeutendsten Prosawerke wurden  erstnach seinem Tod veröffentlicht.

 

Michail Bulgakow und Stalin

 

In den bisherigen Interpretationen der Motive, die Bulgakow

veranlassten u.a. das Stück ADAM und EVA [oder den Roman

"Der Meister und Margarita"] zu schreiben, wurden zwei im

Akzent unterschiedliche Aspekte entwickelt. Die sowjetische Literaturwissenschaftlerin Marietta Tschudakowa sieht in der

Beziehung Bulgakows zu Stalin vor allem eine "Versuchung

der Klassik", einer Verführung, der Bulgakow erlegen sei,

weil er geistig in der Welt Karamsins, Puschkins und Gogols

lebte und zu seinem "Souverän" ähnliche Beziehungen suchte,

wie diese sie zu ihrem entwickelt hatten.

 

Die Hauptursache der Tragödie Bulgakows sei nicht die Hetzkampagne der RAPP und ihrer Nachfolger gegen den Schriftsteller, die Absetzung seiner Stücke und das faktische Publikationsverbot in seinen letzten Lebensjahren, sondern sein widerspruchsvolles Verhältnis zu Stalin gewesen. Ausgehend von den Briefen Bulgakows an Stalin,... kommt Marietta Tschudakowa zu der Schlussfolgerung, Michail Bulgakow habe gehofft, Stalin werde grossmütig seine Werke genehmigen, wenn er sein erster Leser und Gesprächspartner würde. In dieser Illusion habe Bulgakow auch das Telefongespräch Stalins mit Pasternak bestärkt, in dem Stalin über den verbannten Dichter Ossip Mandelstam gesagt hatte: "Aber das ist doch ein Meister,

 

ein Meister!" Nach diesem Stalin-Wort, begründete Frau

Tschudakowa schlüssig, hat Bulgakow schließlich den

Namen des autobiografischen Helden seines Romans

"Der Meister und Margarita" gewählt. Und überzeugend

weist sie weiter nach, daß Bulgakow  diesen Roman bis

zur Absetzung von BATUM [seinem Stück über den

jungen Stalin] auch mit dem Hintergedanken schrieb,

Stalin würde sein "erster Leser" sein, eigenes in

ihm wiedererkennen und das Ganze billigen.

 

BATUM selbst, das Stalin unbedingt lesen musste,

habe Bulgakow als ein Mittel angesehen, um endlich

mit Stalin ins Gespräch zu kommen, was dieser ihm

in dem Telefongespräch vom April 1930 versprochen

hatte. Erst nach dem Verbot von BATUM [1939]

entstand der Schluss von "DerMeister und Margarita":

Nicht Voland [der Satan] hat den Roman des Meisters

gelesen, sondern Jeschua [Jesus] und der entscheidet

das Schicksal des Meisters. Der Roman wird umadressiert

vom erhofften "ersten Leser" auf den künftigen.

 

Der Literaturwissenschaftler Lew Schubin kommt

etwa zu der gleichen Schlussfolgerung. Doch er

sieht in Bulgakows Weg zu BATUM eine bewußte

Wahl aus Einsicht in die gegebene historische

Situation seiner Zeit: Er machte Kompromisse,

schmeichelte Stalin - ähnlich wie Moliere dem

Sonnenkönig -, um sein Hauptwerk zu retten.

Gleich der Eidechse opferte er in der Not den

Schwanz, wissend, daß er nachwachsen würde.

Für seine taktische Illusion musster er bitter

bezahlen. Bulgakow hatte die Erstfassung seines

Romans über den Teufel 1929 verbrannt, weil er

fürchtete, auch dieser Roman könnte "verhaftet"

werden wie seine Novelle "Hundeherz" [1925].

 

Schubin schlussfolgert:" Seine Methoden zum

Schutz und zur Rettung von Manuskripten machte

er zum Thema künstlerischer Werke. Unter diesem

Gesichtspunkt muß man das höchste Gerichtsurteil,

das über das Werk des Meisters ertönt, auch als

eine Selbsteinschätzung des eigenen Weges

betrachten. Er ist einverstanden anzuerkennen,

daß sein Weg und seine Methoden des Selbst-

schutzes und der Rettung von Manuskripten

zu Komproissen führen.

 

Die Zeit, sagt uns der Künstler Michail Bulgakow

gleichsam, ist so, daß es ohne einen "Bund"

mit VOLAND [Satan] keine Rettung gibt. Aber

dieser Bund muß sich auf das Kunstwerk

auswirken; deshalb sind der Künstler und sein

Werk des Lichtes nicht würdig, sondern nur

der Ruhe. So lautet das strenge Selbsturteil

Bulgakows. Die Geschichte scheint geneigt zu

sein, das zu überprüfen und den

Schriftsteller zu rehabilitieren.

 

Ralf Schröder - Michail Bulgakow STÜCKE 2

Verlag Volk&Welt 1990 / S. 516 - 518

Der Meister und Margarita

Мастер и Маргарита

Motto des Romans:

"Nun gut, wer bist du denn? -

 Ein Teil von jener Kraft,

 die stets das Böse will

 und stets  das Gute schaff."

[Goethe, FAUST]

 

Michail Bulgakow ging erst siebenundzwanzig Jahre nach

seinem Tod in die Weltliteratur ein. Sein grosser Nachlassroman

"Der Meister und Margarita", an dem der Schriftsteller

von 1928 bis zu seinen letzten Lebenstagen gearbeitet hatte,

erschien erstmals 1966/67 in der sowjetischen Literaturzeitschrift "Moskwa". Das war eine zeitgeschichtliche literarische

und zugleich politische Sensation.

 

Völlig unerwartet tauchte aus verdrängter Vergangenheit

eine neue Menschheitsdichtung auf,die von den Widersprüchen

des sowjetischen Staatssozialismus unter Stalin ausging und

in der Reihe solcher Werke wie Goethes "Faust",Dostojewskis

Roman " Die Brüder Karamasow" und Thomas Mann

erst nach Bulgakows Tod entstandenen

Roman "Doktor Faustus" angesiedelt ist.

 

Und das Licht des neuentdeckten "Fixsterns"

in diesem weltliterarischem Planetensystem

barg zugleich einen fundamentalen

ideologischen Sprengstoff angesichts des damaligen geistigen

Aufbruchs nach dem sowjetischen "Tauwetter", der Kritik an

der "Magie des Personenkults" und an Stalins Gewaltmethoden

auf dem XX.Parteitag der KPdSU 1956... 

[Ralf Schröder]

 

Zwei polnische Poster

der Designer Wieslaw Walkuski [1995]

und Rafal Olbinski [2007]

zu Inszenierungen

Michail Bulgakows

in Polen

 

Der Kater Behemoth

 

Meine Geschichte mit

 

Michail Bulgakow  und

 

DER MEISTER UND MARGARITA

 

Im Winter 1977 spielten wir im Meininger Theater

Michail Bulgakows Drama "Kabale der Scheinheiligen"

in einer DDR-Erstaufführung. Der Verlag Volk und Welt- Herausgeber und

Lektor der Bücher Michail Bulgakows ,Ralf Schröder, besuchte uns in der Vorbereitung der Inszenierung zu einem Vortrag über das tragische Leben

MichailBulgakows in der Diktatur Stalins.

 

Seitdem waren wir befreundet. Meine Inszenierungen

von kritischen sowjetischen und russischen Autoren

Alexander Wampilow, Wladimir Tendrjakow, Fjodor Dostojewski,

Maxim Gorki, Juri Trifonow, Lew Ustinow u.a. begleitete Ralf Schröder

immer wieder mit Vorträgen

 

.Im Winter 1985 erarbeitete ich eine Theaterfassung nach Michail

Bulgakows berühmtem Roman "Der Meister und Margarita". Zu der Zeit

stand meine Schauspielgruppe und ich im Dresdner Theater schon seit

1981 stark unter Druck des Ministeriums für Staatssicherheit.

 

Die STASI-Akten belegen, dass der Dresdner Intendant meine

Meister und Margarita - Adaption eigenhändig

der MfS-Bezirksverwaltung  übergab. Eine Inszenierung

in dem staatlichen Theater wurde postwendend abgelehnt.

 

Wir brachten „MARGARITA - Szenen nach Michail

Bulgakows Roman„Der Meister unnd Margarita“ im Sommer 1985

mit Hilfe der sächsischen evangelischen Kirchenleitung privat im Dom

zu Meißen heraus.

 

Die Akten nennen 16 Spitzel  während des Theaterabends.

Weitere Vorstellungen wurden vom MfS unterbunden.

Im Spätherbst zeigten wir unsere Arbeit dem Bulgakow- Übersetzer

Thomas  Reschke und seiner Frau in der Wohnung unseres

Meister-Interpreten. Danach "zerstreute" uns das MfS, das heisst,

ich wurde entlassen und warein halbes Jahr arbeitslos.

 

…Im Frühjahr 1993 waren wir mit den

"MARGARITA"-Szenen  wieder im Dom zu Meißen.

1996 und 2002 spielten wir meine Fassung unter dem Titel

"Der Ball des Satans" in polnisch/deutschen Ensembles...

Mein Freund, der Slawist

RALF SCHRÖDER [1927-2001]

Lektor und Herausgeber der Werke

Michail Bulgakows

im DDR-Verlag VOLK&WELT

 

DER MEISTER UND MARGARITA

 

Im Moskau der dreißiger Jahre ist der Teufel los:

Ein gewisser Voland, Professor für Schwarze Magie,

gibt zusammen mit seinen drei seltsamen Mitarbeitern

einige Vorstellungen im Variététheater. Dabei stellt er

die Moskauer Gesellschaft der Stalinzeit gründlich

auf den Kopf, er foppt, blamiert und schädigt alle.

 

Nur zwei entgehen dem Chaos: Ein gemütskranker

Schriftsteller, der sich "Meister" nennt und seine

Geliebte Margarita...Der Meister und Margarita

erscheint vordergründig als heitere Satire, die

eine ganze Truppe teuflischer Gesellen mit

schnellem Slapstick, die Verlogenheit, Trägheit,

Raffgier und ähnliche Sünden bloßstellen lässt.

Die eigentliche Kritik ist jedoch hinter der

satirischen Oberfläche versteckt.

VOLAND - DER SATAN

 

Moskau auf dem Patriarchenteichboulevard.

Meister Voland, der Satan selber, führt  unerkannt für

seine zwei Gesprächspartner  Berlioz [Literaturfunktionär]

und Besdomny [Lyriker] ein Grundsatzgespräch:

 

Voland: "Aber jetzt beschäftigt mich eine Frage:

Wenn es keinen Gott gibt, wer lenkt dann eigentlich das

menschliche Leben und überhaupt den ganzen Ablauf

auf der Erde?"

 

"Der Mensch selber", beeilte sich Besdomny

ärgerlich diese nicht eben sehr klare Frage zu

beantworten. "Entschuldigung", antworteteder

Unbekannte sanft, "um das alles zu lenken,bedarf

es schliesslich eines genauen Planes

für einen halbwegs angemessenen Zeitraum.

 

Gestatten Sie zu fragen, wie soll ein Mensch

das alles lenken, wenn er nicht nur der

Möglichkeitermangelt, einen Plan selbst für

eine so lächerliche Frist von sagen wir ,

tausend Jahren aufzustellen, sondern auch

nicht einmal sicher sein kann,was ihm selber

der morgige Tag bringt? Wirklich" - der

Unbekannte wandte sich Berlioz zu -,"stellen

Sie sich vor, Sie zum Beispiel fangen nun an,

sich und auch andere zu lenken und Anordnungen

zu treffen, Sie kommen sozusagen auf den

Geschmack und plötzlichkriegen Sie...kch...kch...

ein Lungensarkom..."

 

Der Ausländer [Voland] schmunzelte

genüsslich, als bereite ihm der Gedanke

an das Lungensarkom Vergnügen, " ja,

ein Lungensarkom" wiederholte er, wie

ein Kater blinzelnd, das klangvolle Wort,"

und schon ist es aus mit ihrer Lenkerei!

Kein fremdes Schicksal interessiert sie

mehr, nur noch ihr eigemes.Ihre

Angehörigen fangen an,Sie zu belügen.

Da wittern Sie Unrat, laufen zu  gelehrten

Ärzten, dann zu Kurpfuschern und vielleicht

auch zu Wahrsagerinnen. Wie das erste und

zweite, so ist auch das dritte völlig sinnlos,

das wissen Sie selber. Das Ganze endet

tragisch: Der Mann, der noch vor kurzem

etwas zu lenken wähnte, liegt plötzlich

starr und steif in einer Holzkiste, und seine

Umgebung, wohl wissend, daß nichts

Vernünftiges mehr von ihm zu erwarten ist,

verbrennt ihn im Ofen.

 

Manchmal kommt es noch schlimmer.

Jemand{Berlioz] hat sich gerade erst

vorgenommen,  nach Kislowodsk zu fahren.

Der Ausländer [Voland]  starrte Berlioz mit

schmalen Augen an. -  "Eine lächerliche Sache,

sollte man denken,  aber auch das bringt er

nicht zuwege, denn  plötzlich rutscht er aus und

gerät unter die Strassenbahn! Sie werden doch

nicht behaupten, er selbst habe das so gefügt!

ist es nicht richtiger, anzunehmen, daß ein

anderer ihn so gelenkt hat?" Hier liess der

Unbekannte ein seltsamens Kichern hören...

[Verlag Volk&Welt 1995/S.19-21]

 

Berlioz rutscht wenig später aus und

gerät unter eine Strassenbahn.

Dabei verliert er seinen Kopf.

Kater Behemoth

Korowjew

 

Ein "Teufelsroman" im Sozialismus

stalinscher Prägung angesiedelt im

Moskau der 20er/30er Jahre?

Und der Teufel triumphiert mit seinen

Gefährten, mit seiner Magie und Gewalt?

Einer seiner Gehilfen, Korowjew, scheint

sogar ein ehemaliger Faust zu sein,

der seine Wette mit dem Teufel verloren hat

und ihm nun dienen muß? Und der Meister

auch ein traditioneller Faust-Typ,

flüchtet ins Irrenhaus? "Was soll's?"

fragte ein entsetzter Kritiker.

 

Und ein anderer belehrte:

"Teufel ohne Gegenspieler? - verzerrte

geschichtsphilosophische Konstruktion!"

Doch meist versuchte man, den Roman

als einen "karnevalistischen Spaß?" -

"Meister turbulenter Fabulierkunst",

"Die Possen des Teufels Voland",

"Phantastisches Spiel des Bösen",

"Großartige Teufelei" - abzutun,

um ihn so in die abbröckelnde alte

Lehrmeinung zu integrieren und diese

nicht "vom Kopf auf die Füße"

stellen zu müssen. Ralf Schröder

 

 

Der wichtigste Übersetzer der Werke

 

Michail Bulgakows

 

im deutschsprachigen Raum

 

ist Thomas Reschke.

 

Hier erzählt er über seine Arbeit in einer

 

Dankesrede für die Verleihung

 

des Übersetzerpreises

 

der Kunststiftung NRW

 

____________________________________

 
Der Roman "Der Meister und Margarita" von Michail Bulgakow,

dessen Übertragung heute ausgezeichnet wird, war der große

Glücksfall in meinem Leben.Das ist eine Geschichte mit

abenteuerlichenMomenten. Das russische Original, 1966/67 sechsundzwanzig Jahre nach dem Tode des

Autors erstmals erschienen, war von der

sowjetischen Zensur unglaublich verstümmelt

worden (um ca. acht Prozent der Romansubstanz),

und obwohl mir die russische Liste der etwa hundertachtzig

Streichungen während der Übersetzungsarbeit zugespielt

wurde und ich sie mit Bulgakows Witwe in Moskau

verifizieren konnte,mußte ich mit ansehen,

daß in der DDR nur diegekürzte Fassung

gedruckt werden durfte. Erst sieben Jahre

später erschien in der Sowjetunion die

vollständige Fassung, die ich nun auch in

der DDR herausbringen konnte

(nicht ohne den Text bei der Gelegenheit

nochmals gründlich zu überarbeiten).

 

Ich bin oft gefragt worden, wie es komme, daß dieses Buch

sowohl in der Sowjetunion als auch in der DDR einen Kultstatus

erlangte. Ich glaube, es hat vor allem zwei Gründe: 1. Man spürt

bei der Lektüre die große Ehrlichkeit des Autors, der sich in den schlimmstenZeiten des stalinistischen Terrors, als viele Autoren

sich bei der Macht anbiederten, nicht gebeugt und nicht verbogen

hat - und in Kauf nehmen mußte, daß seine gesamte literarische Produktion "für die Flaschenpost" geschrieben war, die seine

Werkeerst späteren Generationen zugänglich machen

würde, woran er biszuletzt nicht zweifelte.

 

Und so ist es gekommen. 2. Der Roman ist unendlich

weit von dem damals allgemein verbindlichen

Dogma des "sozialistischen Realismus" entfernt,

den man sich heute nicht mehr vorstellen kann. In Rußland

haben Witzbolde folgende schöne Definition gegeben:

Sozialistischer Realismus sei die  Darstellung des Lebens der Nomenklatura in für sie faßlicher Form.

 

Als ich 1955 im Verlag Volk und Welt als Lektor anfing

und in meiner Freizeit russische sowjetische Literatur

zu übersetzen begann, war der Diktator Stalin erst zwei Jahre tot,

aber seine Vorstellungen von den Aufgaben der Kunst und Literatur

waren in Rußland und den Satellitenstaaten, auch in der DDR, noch

eisernes Gesetz, an das die Verlage sich zu halten hatten: Literatur

habe vor allem die politischen Vorstellungen der Nomenklatura zu propagieren,also die herrschenden Machtverhältnisse zu

rechtfertigen und zu verherrlichen.

 

Nur allererste Schwalben kündigten einen Sommer an,

der jedoch noch auf sich warten ließ. In den sechziger

traten die ersten russischen Schriftsteller der

Nachkriegsgeneration mit zaghaften neuen

Vorstellungenan die Öffentlichkeit, von denen ich

Jewtuschenko, Kasakow und Axjonow übersetzte;

nach und nach durften auch ältere kritische Autoren wieder

erscheinen, die lange verpönt gewesen waren: Isaak Babel,

der beliebte Satiriker Sostschenko, der im Lager ermordete

Wesjoly und andere. Meine Übersetzerkollegen

und ich konnten dann in den siebziger Jahren beobachten,

daß in der Sowjetunion trotz immer noch strenger Zensur

in der Literatur etwas weniger Tabus galten als in den

Massenmedien, etwas weniger Tabus auch als in der DDR.

(Es ist vorgekommen, daß DDR-Schriftsteller sich bei der

Zensur darüber beschwerten, daß sie nicht so kritisch

schreiben dürften wie ihre sowjetischen Kollegen)

Die regierenden Greise hatten eine realitätsferne und

idealisierte Vorstellung von der Sowjetunion,in der sie

ihr Vorbild sahen, und suchten zuverhindern, daß dieses

Bild durch kritische Kunst getrübt würde.

 

Die Literatur des sogenannten Bruderlandes galt als

sakrosankt, und sie verlor nach dem Gesetz der

Trägheit ihr offizielles Ansehen bei der DDR-Partei-

und Staatsführung auch in den siebziger und achtziger

Jahren noch nicht, als sie schon kritisches,

um nicht zu sagen, oppositionelles Gedankengut

transportierte, das wir dann gewissermaßen legal

in die DDR mogeln konnten; das trug erheblich

dazu bei, daß wir Freude an unserer Arbeit hatten.

 

Aus der schönen Literatur, nicht aus den Medien,

erfuhren wir von sowjetischen Alltagserscheinungenwie

der Mangelwirtschaft, der Kriminalität, dem verbreiteten

Alkoholismus, der Rauschgiftsucht usw.

 

Aber die Schriftsteller wagten sich nun auch an brisantere

Themen heran: die Lagerproblematik, die zerstörte

Landwirtschaft, die vernichtete Kultur der

zwischenmenschlichen Beziehungen usw., schließlich

auch an das lange Zeit größte Tabu: die Schreckensherrschaft

Stalins. Ich nenne hierAutorenwieTendrjakow, Trifonow, Abramow, Astafjew, von den Nichtrussen den Kirgisen Aitmatow und den Belorussen Bykau. Schon in der Perestroikazeit erschienen

endlich auch die Kolyma-Geschichtenvon Schalamow, der

das Grauen des Archipel GULAG in einer eigentlich nicht

übersetzbaren Prosa darstellt.Ich bitte um Nachsicht,

daß ich die Informationsleistung der sowjetischen

Literatur so hervorhebe, aber sie spielte im

Realsozialismus eine nicht zu unterschätzende Rolle.

 

In der DDR waren nämlich Bibliotheken, Buchhandlungen,

Kulturfunktionäre in den Betrieben staatlicherseits gehalten, Literaturlesungen zu veranstalten und dazu möglichst sowjetische

Autoren und/oder ihre Übersetzer einzuladen; im Anschluß an

die meist gut besuchten Lesungen gab es stets Gespräche mit dem Publikum, die allemal in politische Fragen übergingen. Ich habe immer

gern aus denjenigen meiner Übersetzungen gelesen,

die sich kritisch mit den sowjetischen Verhältnissen

auseinandersetzten -es hat schon Spaß gemacht, die erstaunten Reaktionen des Publikums zu sehen.

 

Mit Vergnügen erinnere ich mich an eine doppelte Lesung, zu der

mich die Ludwigsluster Goethe-Oberschule, an der ich 1951 Abitur

machte,eingeladen hatte; ich las aus dem Roman "Das goldene Kalb"

von dem Autorenpaar Ilf und Petrow, der eine höhnische Satire auf die sowjetischen Verhältnisseist - las vormittags vor den Paukern,

die nur glucksten, weil sie sich nicht offen zu lachen trauten (die

sogenannte Volksbildungsministerin Margot Honecker führte ein eisernes Regime), und nachmittags vor Abiturienten, die solche

Ängste nicht hatten und sichvor Lachen ausschütteten.

Der Roman"Der Meister und Margarita" von Michail Bulgakow,

dessen Übertragung heute ausgezeichnet wird,

war der große Glücksfall in meinem Leben.

 

Das ist eine Geschichte mit abenteuerlichen

Momenten.Das russische Original, 1966/67 sechsundzwanzig Jahre

nach dem Tode des Autors erstmals erschienen, war vonder sowjetischen Zensur unglaublich verstümmelt worden (um ca. acht

Prozent der Romansubstanz), und obwohl mir die russische Liste

der etwa hundertachtzig Streichungen während der

Übersetzungsarbeit zugespielt wurdeund ich sie mit Bulgakows

Witwe in Moskau verifizieren konnte, mußte ich mit ansehen, daß

in der DDR nur die gekürzte Fassung gedruckt

werden durfte. Erst sieben Jahre später erschien

in der Sowjetunion die vollständige Fassung, die

ich nun auch in der DDR herausbringen konnte

(nicht ohne den Text bei der Gelegenheit nochmals

gründlich zu überarbeiten).

 

Ich bin oft gefragt worden, wie es komme, daß dieses Buch sowohl in der Sowjetunion als auch in der DDR einen Kultstatus erlangte.

Ich glaube, es hat vor allem zwei Gründe: 1. Man spürt bei der Lektüre

die große Ehrlichkeit des Autors, der sich in den schlimmsten Zeiten

des stalinistischen Terrors, als viele Autorensich bei der Macht anbiederten, nicht gebeugt undnicht verbogen hat - und in Kauf

nehmen mußte, daß seine gesamte literarische Produktion "für die Flaschenpost" geschrieben war, die seineWerke erst späteren Generationen zugänglich machen würde,

woran er bis zuletzt nicht zweifelte.

 

Und so ist es gekommen. 2. Der Roman ist unendlich

weit von dem damals allgemein verbindlichen

Dogma des "sozialistischen Realismus" entfernt,

den man sich heute nicht mehr vorstellen kann. In Rußland

haben Witzbolde folgende schöne Definition gegeben: Sozialistischer Realismus sei die Darstellung des Lebens der Nomenklatura in für

sie faßlicher Form.

 

Christa Schuenke hat vor etlichen Jahren im "Übersetzer" daran

erinnert, daß dieRussischübersetzer der DDR in der Vorwendezeit

durch ihre Arbeit und durch ihre öffentlichen Auftritte Informationsdefizite abzubauen halfen. Das trifft zu. Ich wage sogar, zu behaupten, daß unsere Berufsgruppe, natürlich in bescheidenem Umfang, zur geistigen Vorbereitung der Wende beigetragen hat.

 

Graffiti im Treppenhaus vor

der Wohnung Bulgakows.

Zu sehen sind u.a.

Meister Voland, Margarita

und der Kater Behemoth

 

 

Miniaturen von Michail Bulgakow über

den Meister und seine Margarita in

der Wohnung 50

 

 

Die Pilatuslegende

 

 

Pontius Pilatus richtet

Jeschua Ha Nozri

 

...Der Meister (in Bulgakows Buch ohne Namen) hat einen Roman über Pontius Pilatus geschrieben. Die vom Meister verfremdete Passionsgeschichte spielt in Jerusalem zur Zeit der Kreuzigung Christi. In gar nicht sehr verschlüsselter Form handelt diese Ebene die Politik und ihre Mechanismen ab. Christus, das ist in Bulgakows Roman Jeschua, wagt, Pontius Pilatus, der unbedingt als Hegemon angesprochen werden will, ketzerisch zu sagen, " (...) daß von jeder Staatsmacht den Menschen Gewalt geschehe". Für diese Majestätsbeleidigung wird Jeschua gekreuzigt...

 

Der Hegemon Pontius Pilatus

 

Jeschua Ha Nozri

 

Jeschua zu Pilatus:

"Ich habe...gesagt,

daß von jeder Staatsmacht

den Menschen Gewalt geschehe

und daß eine Zeit kommen werde

in der kein Kaiser noch sonst jemand

die Macht hat. Der Mensch wird eingehen

in das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit,

wo es keiner Macht mehr bedarf."

[Verlag Volk&Welt 1994/S.40]

 

Zunächst führt Voland im Roman, als Vision die Jesus-Pilatus-Geschichte vor, wie sie seiner

Meinung nach als transzendentaler Augenzeuge entgegen den späteren Legenden der biblischen Apostel tatsächlich abgelaufen sei. Es gibt keine göttliche Vorbestimmung des Kreuzestodes

Jesu zur Entsühnung der Menschheit und keine Auferstehung. Ein einsamer Prophet der unzeitgemäßen Wahrheit und Gerechtigkeit

wird ein Opfer des Cäsarismus im „I. Rom“ in unverkennbarer Analogie zum Schicksal des Meisters im „III. Rom“, dem Moskau Stalins.

Und dieses „Voland-Evangelium“ der ersten Romanfassungen  erweist sich in den letzten Fassungen von „Der Meister und Margarita“ als identisch mit dem Pilatus-Roman des Meisters,

d. h. mit dem neuen Evangelium, das Bulgakow

als poetischer Messias seiner Zeit verkündete.

 

Gleichzeitig entlarvt Voland als transzendentaler Kenner der Zukunft den voluntaristischen Prädestinationsglauben stalinistischer Planwirtschaft, indem er Berlioz voraussagt,

daß dieser nicht einmal sein eigenes Schicksal voraussehen könne, daß eine Komsomolzin –

eine Straßenbahnfahrerin – ihn köpfen werde.

Nach Zeugnissen von Zeitgenossen war einer

der Prototypen des Berlioz der Generalsekretär

der RAPP, Leopold Awerbach (1903–1939),

der sich  Ende der zwanziger Jahre zum Diktator

der offiziellen literarischen Meinung

aufgeschwungen hatte und besonders auch Bulgakow verfolgte, aber Ende der dreißiger

Jahre ein Opfer des Terrors Stalins gegen „Abweichler“ von seiner „Generallinie“ wurde.

 

Ralf Schröder                                       

(In: Michail Bulgakow: Gesammelte Werke.

Hrsg. und mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen versehen von Ralf Schröder. Bd. 3. Der Meister und Margarita. – Verlag Volk und Welt, Berlin 1994,

S. 493-514.)

 

Die Demaskierung der damaligen Moskauer Schickeria, die Niederbrennung ihrer fragwürdigen Hochburgen, der Weg der Margarita durch Höllenkreise aus Liebe, die Vollendung des Meisters, seine humanistische Auflösung der Pilatus-Frage,

die kathartische Wirkung seiner Tragödie, die in Analogie zu der des Jeschua gesetzt ist, auf Iwan Hauslos, den Rußland symbolisierenden Iwan-Dummkopf, der seinen Irrweg als ein Adept eines Russischen Mephistopheles begann, aber dann zunächst erahnte und schließlich nach dem spontanen Rückgriff auf Kerze und Ikone zu begreifen beginnt, daß die Pilatus-Geschichte

seine Schicksalsfrage ist. Das war sie auch für Bulgakow. Stalin war für ihn ein moderner Pilatus,

der ihn seiner Meinung nach den „Hohepriestern“

der RAPP wider bessere Einsicht geopfert habe.

Und Bulgakow hoffte bis 1939, als er das

Stalin-Stück „Batum“ abschloß, daß dieser noch

den Weg zu ihm suchen würde, wie es der Roman „Der Meister und Margarita“ in bezug auf den historischen Pilatus im Verhältnis zu Jeschua postuliert. Bulgakow hat sich schrecklich geirrt.

 

Die Pilatus-Vision wird zur Tagesfrage. Das Grundmodell Jeschua-Pilatus wird übergreifend.

Und Bulgakow kann in dieses phantastische Sujet alles integrieren, was sich später, nach dem Beginn der Arbeit am Roman, ereignete – der Kampf der RAPP gegen die Bulgakowerei, die Ereignisse des Großen Terrors in den dreißiger Jahren –, ohne in Allegorismus zu verfallen. Das phantastische Sujet greift damit ungeachtet aller Illusionen in bezug auf Stalin über Bulgakows Zeit hinaus. Die Vision bleibt: Alle voluntaristischen Systeme, die dem Pilatus-Modell folgen, sind früher oder später zum

Untergang verurteilt.

 

Ralf Schröder      

(In: Michail Bulgakow: Gesammelte Werke.

Hrsg. und mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen versehen von Ralf Schröder. Bd. 3. Der Meister und Margarita. – Verlag Volk und Welt, Berlin 1994,

S. 493-514.)

 

Eine interessante Website:

 

http://bulgakow.chkebelski.de/index.html



 

Werkausgaben

 

Gesammelte Werke in 13 Bänden,

Hrsg. von Ralf Schröder, Berlin,

Volk und Welt 1994

 

Prosa

Haus Nr. 13 („№ 13 – Дом Эльпит-Рабкоммуна“) Erzählung, 1922

 

Tschitschikows Abenteuer („Похождения Чичикова“) - „Poem in zehn Punkten mit einem Prolog

und einem Epilog“, veröffentlicht 1922

 

Teufelsspuk („Дьяволиада“) Erzählung,

1923 (veröffentlicht 1924)

 

Die weiße Garde („Белая гвардия“)

Roman,1923–24

 

Die verhängnisvollen Eier („Роковые яйца“)

Erzählung, 1924

 

Hundeherz („Собачье сердце“)

Erzählung, 1925

 

Aufzeichnungen eines jungen Arztes

(„Записки юного врача“) Erzählungen,

1925/27 (Übers. Thomas Reschke;

mehrere dt. Aufl. seit 1972, Volk und Welt,

Berlin; auch 1981 und 1986 in einem Sammelband

zus. mit "Das Leben des Herrn Molière" und dem "Theaterroman") In den "Aufzeichnungen..."

schildert Bulgakow den Ausgangspunkt

seines Lebens und Schaffens,dem er

trotz aller Widersprüche treu geblieben ist.

In dem Fragment gebliebenen Spätwerk

"Theaterroman" (1936/1937) und dem

mit diesem innerlich verbundenen

biografischen Roman

"Das Leben des Herrn Molière"

von 1932/1933 gestaltet er, wie sich

die "Ströme der Aufklärung"

auch unter komplizierten Bedingungen

immer wieder durchsetzen.

 

Ausgabe in der BRD: Arztgeschichten

gleicher Übers., Luchterhand,

Darmstadt 1972 u.ö. (zuletzt 11. Aufl. 2009)

 

          Der Meister und Margarita

          („Мастер и Маргарита“) Roman, 1929–39

 

Theaterroman (teilw. autobiographisch),

deutsch zuerst 1969, Volk und Welt, Berlin.

Neuauflagen.

 

Theaterstücke

Die Tage der Turbins („Дни Турбиных“) – Schauspiel, Premiere am 5. Oktober 1926

 

Adam und Eva („Адам и Ева“) – Theaterstück in vier Akten, 1931; zu Lebzeiten Bulgakows weder publiziert noch aufgeführt, erstmals veröffentlicht 1971 (Paris),

sowjetische Erstveröffentlichung 1987

 

Der verrückte Jourdain („Полоумный Журден“) – Molièriade in drei Akten, 1932

 

Glückseligkeit („Блаженство“)

Theaterstück in vier Akten, 1933–34; zu Lebzeiten Bulgakows weder publiziert noch aufgeführt,

erstmals veröffentlicht 1966

 

Iwan Wassiljewitsch („Иван Васильевич“)

Komödie in drei Akten, 1934–35; Umarbeitung des Theaterstücks Glückseligkeit („Блаженство“);

zu Lebzeiten Bulgakows weder publiziert noch

aufgeführt, erstmals veröffentlicht 1965

 

Don Quijote („Дон Кихот“)

Bearbeitung des Don Quijote von Cervantes

für die Bühne, 1937–38; zu Lebzeiten Bulgakows

weder publiziert noch aufgeführt,

erstmals veröffentlicht 1962

 

Vor dem BULGAKOW HAUS in Kiew

 

Der Schriftsteller wurde am 15. Mai 1891 in Kiew in einer Familie von Geistlichen geboren. Sein Vater war Dozent, später Professor an der Geistlichen Akademie. Der junge Michail Afanassijewitsch plagt im Gymnasium die Mitschüler und Lehrer mit Satiren und Epigrammen. Seine Begeisterung für die Literatur nimmt er jedoch selbst noch nicht ernst. Er wird Arzt und amputiert 1916 an der Front Beine von Verwundeten. Nach der Revolution arbeitet er als Landarzt, fühlt sich aber immer stärker zur Literatur hingezogen.

 

Die ersten fünf Stücke, die er im Norden des

Kaukasus verfaßt, vernichtet der Autor anschließend unbarmherzig selbst. Schließlich zieht er 1921 nach Moskau und sucht sich Wohnung und Arbeit. Er verdingt sich als Zeitungsjournalist, Conferencier, Schauspieler, wird Feuilletonist bei der Zeitung der Eisenbahner, Gudok. Er schreibt immer sicherer, zeitweilig glänzend und sehr leicht.

 

Als Meister der Mystifikationen und des spontan inszenierten

Spiels ist Bulgakow die Seele seines Freundeskreises. Gleichzeitig

hält er immerDistanz, wird niemals familiär. In seinen Feuilletons macht er sich über die naive, fade Lebensweise,

über den plebejischen Stil des sowjetischen Lebens lustig.

Bulgakow setzt sich auch äußerlich davon

ab: Ungeachtet der ewigen Geldknappheit erregt

er allgemein Erstaunen mit seiner weißgestärkten Hemdbrust,

dem tadellos gebügelten Anzug, dem makellosen Scheitel und dem Monokel an der Schnur.

 

Gar nicht zu reden von den betont aristokratischen Manieren. So verteidigte er seine Selbstachtung gerade in den Jahren, als die Achtung vor dem einzelnen immer mehr verlorenging. Niemand hätte damals wohl erraten, daß dieser glänzende Herr die Nächte hindurch selbstvergessen schwer arbeitete. Alles, was er schrieb, war eine Herausforderung an das, was um ihn herum vorging, es war eine Warnung vor drohenden Nöten und den Folgen jener sozialen Experimente, die die Bolschewiken an dem Lande vornahmen.

 

Bei den phantastischen Novellen Bulgakows muß

man an Swift, an E. T. A. Hoffmann und natürlich an Gogol denken, den Bulgakow als seinen Lehrer bezeichnete. In der 1925 entstandenen Novelle "Hundeherz" ironisiert der Schriftsteller den Satz aus der Revolutionshymne, der "Internationale": "Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger, alles zu werden, strömt zuhauf!" und erzählt, wie ein genialer Mediziner, Professor Preobraschenski, einen Hofhund in einen Menschen verwandelt, indem er ihm ein menschliches Gehirn einpflanzt.

 

Mit tödlichem Humor wird gezeigt, was aus diesem Experiment geworden ist. In der Vorstellung des Lesers entsteht jener

schreckliche Sozialtypus,der mit nichts zu vergleichen ist und den unsere heutige Umgangssprache kurz als "Sowok" (in lateinischer Übersetzung "homo sovieticus") bezeichnet.

 

Schon im Titel eine Herausforderung ist der Roman

"Die weiße Garde", denn dies ist ein Roman über

den weißen Offiziersstand, der durch die Revolution dem Untergang preisgegeben ist. Mit Liebe wird die pro-monarchische Familie Turbin beschrieben, mit nostalgischem Schmerz erzählt, wie eine ganze Schicht der aristokratischen Kultur im Dunkel der Zeiten versinkt.

 

Alsbald interessiert sich das berühmteste

sowjetische Theater, das "Moskauer

Künstlertheater", für "Die weiße Garde", aber das Stück

"Die Tage der Geschwister Turbin" (nach Motiven der

"Weißen Garde") läßt die Zensur nicht passieren; alles steht

auf der Kippe. Erst das Ultimatum des großen Regisseurs Stanislawski,daß er sein Theater andernfalls schließen werde, ermöglicht schließlich die Inszenierung.

Die Premiere ist ein Triumph, und dieser Triumph

wird dann fast tausendmal wiederholt. So wird Bulgakow 1926 berühmt. Das Publikum

vergöttert ihn, und während die Parteikritik

über das Stück herfällt, schwebt paradoxerweise

der rettende Schatten des großen Führers

über der Bühne.

 

Es ist bekannt, daß Stalin nach den Protokollen

des Künstlertheaters das Stück "Die Tage der Geschwister Turbin" nicht weniger als 15malgesehen hat. Wir scheinen hier vor einem

unlösbaren Rätsel zu stehen: Hat etwa der Theaterfreund Stalin über den Politiker Stalingesiegt? Es gibt aber noch eine andere Erklärung:

Im Gespräch mit Künstlern soll Stalin ausgerufen haben: "Ja, Bulgakow geht richtig ran! Der bürstet gegen den Strich!"

 

Elem Klimow

 

Website des Bulgakow-Museums in Kiew

 

http://bulgakov.org.ua/

 

Michail Bulgakows Grab

auf dem Moskauer

Nowodewitschi Friedhof

 

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Anna Achmatowa

 

M. Bulgakow zum Gedenken

 

Dies hier, es ist fur dich, statt Rosen auf dein Grab,
Anstatt dir Weihrauch zu entfachen;
Du lebtest so grausam und hast bis zum Ende bewahrt
Die gewaltige Kraft der Verachtung.

Du trankst den Wein und scherztest wie sonst keiner,
Und bist in engen Wanden fast erstickt,
Die Schreckensfrau, du ließt sie zu dir ein
Und teiltest ganz allein mit ihr's Geschick.

Du bist nicht mehr, und alles schweigt jetzt rings,
Von deinem hohen, tiefbedruckten Leben,
Nur meine Stimme ist's, die wie die Flote klingt,
Die Totenklage schweigsam zu erheben.

Wer hatte wohl geglaubt, dass ich
Anna, die halb im Wahn,
Ich Klageweib langst ausgestorbner Tage,
Ich Schwelende nach langem Feuerbrand,
Die alles verlor, die alle vergessen haben,

Dir nun gedenken muss, dir, der so voller Kraft,
Voll heller Plane willensstark gestritten,
Der du wohl gestern noch mit mir gesprochen hast,
Den Schmerz verbergend und des Todes Zittern.

März 1940, Fontannyj Dom   
Übersetzt von Eric Boerner

Herr Voland und der Kater Behemoth

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