Michail Bulgakow

 

Михаил Афанасьевич Булгаков

 

 

"Feigheit ist die grösste Sünde!"

 

(Michail Bulgakow)

 

 

Vor dem Bulgakowhaus in Moskau

Uliza Bolschaja Sadowaja 10,

Wohnung 50

Die sehr schöne Website des

Moskauer Bulgakow - Museums

verwandelte sich in ein hässliches

Rudiment. An den Inhalten wurde

herumzensiert, der Fotoanteil ist

unverständlich reduziert.

Innenhof

 

Im Treppenhaus

 

 

Vor der Tür des Bulgakow-Museums

 

Die Wohnung 50

 

Der Meister und Margarita

Originalseite des Romans

 

In dieser Wohnung arbeitete

Michail Bulgakow bis zuletzt

an seiner Menschheitsdichtung

DER MEISTER UND MARGARITA

 

Michail Bulgakow wurde am

 

15. Mai 1891 in Kiew geboren.

 

Er starb am 10. März 1940 in Moskau.

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Nach einem Medizinstudium

arbeitete er zunächst als Landarzt, zog aber dann nach

Moskau, um sich ganz der Literatur zu widmen.

 

Er gilt als einer der größten russischen Satiriker und

hatte zeitlebens unter der stalinistischen Zensur zu

leiden. Seine zahlreichen Dramen durften nicht

aufgeführt werden, seine bedeutendsten Prosawerke

wurden  erst nach seinem Tod veröffentlicht.

 

Michail Bulgakow und Stalin

 

In den bisherigen Interpretationen der Motive, die Bulgakow veranlassten u.a. das Stück

ADAM und EVA [oder den Roman

 

"Der Meister und Margarita"] zu schreiben, wurden zwei im Akzent unterschiedliche Aspekte entwickelt.

 

Die sowjetische Literaturwissenschaftlerin Marietta Tschudakowa sieht in der Beziehung Bulgakows zu

Stalin vor allem eine "Versuchung der Klassik",

einer Verführung, der Bulgakow erlegen sei,

weil er geistig in der Welt Karamsins,

Puschkins und Gogols lebte und zu

seinem "Souverän" ähnliche Be-

ziehungen suchte,wie diese sie zu

ihrem entwickelt hatten.

 

Die Hauptursache der Tragödie

Bulgakows sei nicht die Hetzkampagne

der RAPP und ihrer Nachfolger gegen

den Schriftsteller, die Absetzung seiner

Stücke und das faktische Publikationsver-

bot in seinen letzten Lebensjahren, sondern

sein  widerspruchsvolles Verhältnis

zu Stalin gewesen. 

 

Ausgehend von den Briefen Bulgakows

an Stalin,... kommt Marietta Tschudakowa

zu der Schlussfolgerung,

 

Michail Bulgakow habe gehofft, Stalin

werde grossmütig seine Werke geneh-

migen, wenn er sein erster Leser und Ge-

sprächspartner würde. In dieser Illusion habe

Bulgakow auch das Telefongespräch Stalins mit

Pasternak bestärkt, in dem Stalin über den

verbannten Dichter Ossip Mandelstam gesagt

hatte: "Aber das ist doch ein Meister,ein Meister!"

 

Nach diesem Stalin-Wort, begründete Frau Tschudakowa schlüssig, hat Bulgakow schließlich den Namen

des autobiografischen Helden seines Romans

"Der Meister und Margarita" gewählt.

 

Und überzeugend weist sie weiter nach,

daß Bulgakow  diesen Roman bis zur Absetzung

von BATUM [seinem Stück über den jungen

Stalin] auch mit dem Hintergedanken schrieb,

Stalin würde sein "erster Leser" sein, eigenes in 

ihm wiedererkennen und das Ganze billigen.

 

BATUM selbst, das Stalin unbedingt

lesen musste, habe Bulgakow als ein

Mittel angesehen, um endlich

mit Stalin ins Gespräch zu kommen,

was dieser ihmin dem Telefongespräch

vom April 1930 versprochen hatte.

 

Erst nach dem Verbot von BATUM [1939]

entstand der Schluss von

"DerMeister und Margarita":

 

Nicht Voland [der Satan] hat den Roman des Meisters 

gelesen, sondern Jeschua [Jesus] und der ent-

scheidet das Schicksal des Meisters.

 

Der Roman wird umadressiert vom

erhofften "ersten Leser" auf

den künftigen.

 

Der Literaturwissenschaftler Lew

Schubin kommt etwa zu der gleichen Schluss-

folgerung. Doch er sieht in Bulgakows Weg zu BATUM

eine bewußte Wahl aus Einsicht in die gegebene historische Situation seiner Zeit: Er machte Kom-

promisse,schmeichelte Stalin - ähnlich wie Mo-

liere dem Sonnenkönig -, um sein

Hauptwerk zu retten.

 

Gleich der Eidechse opferte er in der

Not denSchwanz, wissend, daß er

nachwachsen würde.

 

Für seine taktische Illusion musst er 

bitter bezahlen. Bulgakow hatte die

Erstfassung seines Romans über

den Teufel 1929 verbrannt, weil er

fürchtete, auch dieser Roman

könnte "verhaftet"werden wie

seine Novelle "Hundeherz" .

 

Schubin schlussfolgert:" Seine Me-

thoden zum Schutz und zur Rettung

von Manuskripten machte er zum The-

ma künstlerischer Werke.

 

Unter diesem Gesichtspunkt muß man

das höchste Gerichtsurteil,das über das Werk

des Meisters ertönt, auch alseine Selbstein-

schätzung des eigenen Weges betrachten.

 

Er ist einverstanden anzuer-kennen,daß sein Weg

und seine Methoden des Selbstschutzes

und der Rettung von Manuskripten zu

Kompro-missen führen.

 

Die Zeit, sagt uns der Künstler Michail Bulgakow

gleichsam, ist so, daß es ohne einen "Bund"mit

VOLAND [Satan] keine Rettung gibt.

 

Aber dieser Bund muß

sich auf das Kunstwerk auswirken;

deshalb sind der Künstler und sein

Werk des Lichtes nicht würdig, sondern

nur der Ruhe. So lautet das strenge

Selbsturteil Bulgakows.

 

Die Geschichte scheint geneigt zu

sein, das zu überprüfen und den

Schriftsteller zu rehabilitieren.

 

Ralf Schröder - Michail  Bulgakow STÜCKE 2

Verlag Volk&Welt 1990 / S. 516 - 518

Der Meister und Margarita

Мастер и Маргарита

 

Motto des Romans:

"Nun gut, wer bist du denn? -

 Ein Teil von jener Kraft,

 die stets das Böse will

 und stets  das Gute schaff."

[Goethe, FAUST]

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Michail Bulgakow ging erst siebenundzwanzig Jahre

nachseinem Tod in die Weltliteratur ein. Sein grosser Nachlassroman"Der Meister und Margarita", an dem

der Schriftsteller von 1928 bis zu seinen letzten Lebenstagen gearbeitet hatte,erschien erstmals

1966/67 in der sowjetischen Literaturzeitschrift

"Moskwa". Das war eine zeitgeschichtliche

literarische und zugleich politische Sensation.

 

Völlig unerwartet tauchte aus ver-

drängter Vergangenheiteine neue

Mensch-heitsdichtung auf,die von

den Widersprüchendes sowjetischen

Staatssozialismus unter Stalin ausging

und in  der Reihe solcher Werke wie

Goethes "Faust", Dostojewskis Roman

"Die Brüder Karamasow" und Tho-

mas Mann erst nach Bulgakows Tod en-

tstandenen Roman "Doktor Faustus" 

angesiedelt ist.

 

Und das Licht des neuentdeckten "Fixsterns"

in diesem weltliterarischem Planetensystem

barg zugleich einen fundamentalen ideologischen Sprengstoff angesichts des damaligen geistigen 

Aufbruchs nach dem sowjetischen "Tauwetter",

der Kritik an der "Magie des Personenkults"

und an Stalins Gewaltmethoden auf

dem XX.Parteitag der KPdSU 1956... 

[Ralf Schröder]

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Zwei polnische Poster

der Designer Wieslaw Walkuski [1995]

und Rafal Olbinski [2007]

zu Inszenierungen

Michail Bulgakows

in Polen

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Der Kater Behemoth

 

Meine Geschichte mit

 

Michail Bulgakow  und

 

DER MEISTER UND MARGARITA

 

Im Winter 1977 spielten wir im Meininger Theater

Michail Bulgakows Drama "Kabale der Scheinheiligen"

in einer DDR-Erstaufführung..

 

Der Verlag Volk und Welt- Herausgeber und

Lektor der Bücher Michail Bulgakows ,Ralf Schröder,

besuchte uns in der Vorbereitung der Inszenierung

zu einem Vortrag über das tragische LebenMichail

Bulgakows in der Diktatur Stalins.

 

Seitdem waren wir befreundet. Meine Inszenierungen von

kritischen sowjetischen und russischen Autoren Alexander Wampilow, Wladimir Tendrjakow, Fjodor Dostojewski,

Maxim Gorki, Juri Trifonow, Lew Ustinow u.a. begleitete

Ralf Schröder immer wieder mit Vorträgen

 

.Im Winter 1985 erarbeitete ich eine Theaterfassung nach MichailBulgakows berühmtem Roman "Der Meister und

Margarita". Zu der Zeitstand meine Schauspielgruppe

und ich im Dresdner Theater schon seit1981 stark

unter Druck des Ministeriums für Staatssicherheit.

 

Die STASI-Akten belegen, dass

der Dresdner Intendant meine

Meister und Margarita - Adaption

eigenhändig der MfS-Bezirksverwaltung 

übergab. Eine Inszenierungin dem staatlichen

Theater wurde postwendend abgelehnt.

 

Wir brachten „MARGARITA - Szenen

nach Michail Bulgakows Roman„Der Meister und

Margarita“  im Sommer 1985 mit Hilfe der sächsischen evangelischen Kirchenleitung privat im Dom

zu Meißen heraus.

 

Die Akten nennen 16 Spitzel  während des Theaterabends.

 

Weitere Vorstellungen

wurden vom MfS unterbunden.

 

Im Spätherbst zeigten wir unsere Arbeit

dem Bulgakow - Übersetzer Thomas  Reschke und

seiner Frau in der Wohnung unseres

Meister-Interpreten.

 

Danach "zerstreute" uns das MfS, das

heisst,ich wurde entlassen und war ein

halbes Jahr arbeitslos.

 

…Im Frühjahr 1993 waren wir mit den

"MARGARITA"-Szenen  wieder im Dom

zu Meißen.1996 und 2002 spielten wir

meine Fassung unter dem Titel "Der Ball des

Satans" in polnisch/ deutschen Ensembles....

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Mein Freund, der Slawist

RALF SCHRÖDER [1927-2001]

Lektor und Herausgeber der Werke

Michail Bulgakows

im DDR-Verlag VOLK&WELT

Michail Bulgakow

 

DER MEISTER UND MARGARITA

 

Im Moskau der dreißiger Jahre ist

der Teufel los:Ein gewisser Voland,

Professor für Schwarze Magie,

gibt zusammen mit seinen drei

seltsamen Mitarbeiterneinige Vorstel-

lungen im Variététheater.

 

Dabei stellt er die Moskauer Gesellschaft der

Stalinzeit gründlichauf den Kopf, er foppt,

blamiert und schädigt alle.

 

Nur zwei entgehen dem Chaos: Ein gemütskranker

Schriftsteller, der sich"Meister" nennt und

seine  Geliebte Margarita...

 

Der Meister und Margarita

erscheint vordergründig als heitere Satire,

dieeine ganze Truppe teuflischer Gesellen

mit schnellem Slapstick, die Verlogenheit,

Trägheit, Raffgier und ähnliche Sünden

bloßstellen lässt.

 

Die eigentliche Kritik ist jedoch hinter der

satirischen Oberfläche versteckt.

 

MEISTER VOLAND - DER SATAN

 

Moskau auf dem Patriarchenteichboulevard.

Meister Voland, der Satan selber,

führt  unerkannt für seine zwei Gesprächs-

partner  Berlioz [Literaturfunktionär]

und Besdomny [Lyriker] ein Grundsatzgespräch:

 

Voland: "Aber jetzt beschäftigt mich eine

Frage:Wenn es keinen Gott gibt, wer lenkt dann

eigentlich dasmenschliche Leben und überhaupt

den ganzen Ablauf auf der Erde?"

 

"Der Mensch selber", beeilte sich Bes-

domny ärgerlich diese nicht eben sehr

klare Frage zu beantworten.

 

"Entschuldigung", antwortete der

Unbekannte sanft, "um das alles

zu lenken,bedarf es schliesslich

eines genauen Planes für einen

halbwegs angemes-

senen Zeitraum.

 

Gestatten Sie zu fragen, wie soll ein

Mensch das alles lenken, wenn er nicht

nur der Möglichkeit ermangelt, einen

Plan selbst für eine so lächerliche

Frist von sagen wir ,tausend Jahren

aufzustellen,  sondern auch nicht ein-

mal sicher sein kann,was ihm selber

der morgige Tag bringt?

 

Wirklich" - derUnbekannte wandte

sich Berlioz zu -,"stellen Sie sich vor,

Sie zum Beispiel fangen nun an,

sich und auch andere zu lenken und

Anordnungen zu treffen, Sie kommen

sozusagen auf denGeschmack und

plötzlich kriegen Sie...kch...kch...

ein Lungensarkom..."

 

Der Ausländer [Voland] schmunzelte

genüsslich, als bereite ihm der Gedanke

an das Lungensarkom Vergnügen, " ja,

ein Lungensarkom" wiederholte er, wie

ein Kater blinzelnd, das klangvolle Wort,"

und schon ist es aus mit ihrer Lenkerei!

Kein fremdes Schicksal interessiert sie

mehr, nur noch ihr eigemes.

 

Ihre Angehörigen fangen an,

Sie zu belügen.

 

Da wittern Sie Unrat, laufen zu  gelehrten

Ärzten, dann zu Kurpfuschern und vielleicht

auch zu Wahrsagerinnen. Wie das erste und

zweite, so ist auch das dritte völlig sinnlos,

das wissen Sie selber. Das Ganze endet

tragisch: Der Mann, der noch vor kurzem

etwas zu lenken wähnte, liegt plötzlich

starr und steif in einer Holzkiste, und seine

Umgebung, wohl wissend, daß nichts

Vernünftiges mehr von ihm zu erwarten

ist, verbrennt ihn im Ofen.

 

Manchmal kommt es noch schlimmer.

Jemand{Berlioz] hat sich gerade erst

vorgenommen,  nach Kislowodsk

zufahren.Der Ausländer [Voland] 

starrte  Berlioz  mit schmalen

Augen an. - "Eine lächerliche

Sache, sollte  man denken, 

aber auch das bringt er nicht

zuwege, denn  plötzlich

rutscht er aus undgerät

unter die Strassenbahn!

 

Sie werden doch nicht behaupten,

er selbst  habe das so gefügt 

 

ist es nicht richtiger, anzunehmen,

daß  ein anderer ihn so gelenkt hat?"

 

Hier liess der Unbekannte ein selt-

samens Kichern hören...

 

[Verlag Volk&Welt 1995/S.19-21]

 

Berlioz rutscht wenig später aus und

gerät unter eine Strassenbahn.

Dabei verliert er seinen Kopf.

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Der Kater Behemoth

 

Korowjew und Behemoth

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Asassello, Gella und Korowjew

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Ein "Teufelsroman" im Sozialismus

stalinscher Prägung angesiedelt im

Moskau der 20er/30er Jahre?

 

Und der Teufel triumphiert mit seinen

Gefährten, mit seiner Magie und Gewalt?

 

Einer seiner Gehilfen,

Korowjew, scheint

sogar ein ehemaliger

Faust zu  sein,der

seine Wette mit dem

Teufel verloren hat.

und ihm nun dienen

muß? Und der Meister 

auch ein traditioneller

Faust-Typ,flüchtet ins

Irren-haus? "Was soll's?"

fragte ein entsetzter Kritiker.

 

Und ein anderer belehrte:

"Teufel ohne Gegenspieler? -

verzerrte geschichtsphilo-

sophischeKonstruktion!"

 

Doch meist versuchte man, den Roman

als einen "karnevalistischen Spaß?" -

"Meister turbulenter Fabulierkunst",

"Die Possen des Teufels Voland",

"Phantastisches Spiel des Bö-

sen","Großartige Teufelei" -

abzutun,um ihn so in die

abbröckelnde alte Lehr-

meinung zu integrie-

ren und diese nicht "

vom Kopf auf die

Füße"stellen

zu müssen.

 

Ralf Schröder

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MESSERE VOLAND

 

Der Satan

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Graffiti im Treppenhaus vor

der Wohnung Bulgakows.

 

Zu sehen sind u.a.

Meister Voland, Margarita

und der Kater Behemoth

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Miniaturen von Michail Bulgakow über

den Meister und seine Margarita in

der Wohnung 50

 

 

Die Pilatuslegende

 

 

Pontius Pilatus richtet

Jeschua Ha Nozri

 

...Der Meister (in Bulgakows Buch ohne Namen) hat einen Roman über Pontius Pilatus geschrieben. Die vom Meister verfremdete Passionsgeschichte spielt in Jerusalem zur Zeit der Kreuzigung Christi. In gar nicht sehr verschlüsselter Form handelt diese Ebene die Politik und ihre Mechanismen ab. Christus, das ist in Bulgakows Roman Jeschua, wagt, Pontius Pilatus, der unbedingt als Hegemon angesprochen werden will, ketzerisch zu sagen, " (...) daß von jeder Staatsmacht den Menschen Gewalt geschehe". Für diese Majestätsbeleidigung wird Jeschua gekreuzigt...

 

 

Der Hegemon Pontius Pilatus

 

Jeschua Ha Nozri

 

Jeschua zu Pilatus:

"Ich habe...gesagt,

daß von jeder Staatsmacht

den Menschen Gewalt geschehe

und daß eine Zeit kommen werde

in der kein Kaiser noch sonst jemand

die Macht hat. Der Mensch wird eingehen

in das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit,

wo es keiner Macht mehr bedarf."

[Verlag Volk&Welt 1994/S.40]

 

Zunächst führt Voland im Roman, als

Vision die Jesus-Pilatus-Geschichte vor,

wie sie seinerMeinung nach als transzenden-

taler Augenzeuge entgegen den späteren

Legenden der biblischen Apostel tatsäch-

lich abgelaufen sei.

 

Es gibt keine göttliche Vorbestimmung

des Kreuzestodes Jesu zur Entsühnung

der Mensch-heit und keine Auferstehung. 

 

Ein einsamer Prophet der unzeitgemäßen

Wahrheit und Gerechtigkeitwird ein Opfer

des Cäsarismus im „I. Rom“ in unverkenn-

barer Analogie zum Schicksal des Meisters

im „III. Rom“, dem Moskau Stalins.

 

Und dieses „Voland-Evangelium“ der

ersten Romanfassungen  erweist sich in

den letzten Fassungen von „Der Meister

und Margarita“ als identisch mit dem

Pilatus-Roman des Meisters,d. h. mit

dem neuen Evangelium, das Bulgakow

als poetischer Messias seiner Zeit

verkündete.

 

Gleichzeitig entlarvt Voland als transzen-

dentaler Kenner der Zukunft den volun-

taristischen Prädestinationsglauben 

stalinistischer Planwirtschaft,

indem er Berlioz voraussagt,

daß  dieser nicht einmal sein

eigenes  Schicksal voraus-

sehen  könne, daß eine

Komsomolzin – eine

Straßenbahnfahrerin –

ihn köpfen werde.

 

Nach Zeugnissen von Zeitgenossen

war einer der Prototypen des Berlioz

der Generalsekretär der RAPP, Leopold

Awerbach (1903–1939),der sich  Ende

der zwanziger Jahre zum Diktator

der offiziellen literarischen Me-inung aufgeschwungen hatte und

besonders auch Bulgakow verfolgte,

aber Ende der dreißigerJahre ein

Opfer des Terrors Stalins gegen

„Abweichler“ von seiner

„Generallinie“ wurde.

 

Ralf Schröder

                                    

(In: Michail Bulgakow: Gesammelte

Werke.Hrsg. und mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen versehen von Ralf Schröder.

Bd. 3. Der Meister und Margarita. –

Verlag Volk und Welt, Berlin 1994,

S. 493-514.)

 

Die Demaskierung der damaligen Moskauer Schickeria, die Niederbrennung ihrer fragwür-

digen Hochburgen, der Weg der Margarita durch Höllenkreise aus Liebe, die Vollendung des

Meisters, seine humanistische Auflösung der

Pilatus-Frage,die kathartische Wirkung seiner Tragödie, die in Analogie zu der des Jeschua

gesetzt ist, auf Iwan Hauslos, den Rußland symbolisierenden Iwan-Dummkopf, der sei-

nen Irrweg als ein Adept eines Russischen Mephistopheles begann, aber dann zu-

nächst erahnte und schließlich nach

dem spontanen Rückgriff auf Kerze

und Ikone zu begreifen beginnt,...

 

daß die Pilatus-Geschichteseine Schicksals-

frage ist. Das war sie auch für Bulgakow.

 

Stalin war für ihn ein moderner Pilatus,der

ihn seiner Meinung nach den „Hohepries-

tern“der RAPP wider bessere Einsicht

geopfert habe.

 

Und Bulgakow

hoffte bis 1939, als er das

Stalin-Stück „Batum“ abschloß,

daß dieser noch den Weg zu ihm

suchen würde, wie es der Roman

„Der Meister und Margarita“ in

bezug auf den historischen

Pilatus  im Verhältnis zu

Jeschua postuliert. 

 

Michail Bulgakow

hat sich schrecklich geirrt.

 

Die Pilatus-Vision wird zur Tagesfrage.

Das Grundmodell Jeschua-Pilatus

wird übergreifend.

 

Und Bulgakow kann in dieses phantastische

Sujet alles integrieren, was sich später,

nach dem Beginn der Arbeit am Roman,

ereignete – der Kampf der RAPP gegen

die Bulgakowerei, die Ereignisse des

Großen Terrors in den dreißiger

Jahren –, ohne in Allegorismus

zu verfallen.

 

Das phantastische Sujet greift damit unge-

achtet aller Illusionen in bezug auf Stalin über Bulgakows Zeit hinaus. Die Vision bleibt: Alle voluntaristischen Systeme, die dem Pilatus-

Modell folgen, sind früher oder später

zum Untergang verurteilt.

 

Ralf Schröder      

(In: Michail Bulgakow: Gesammelte Werke.

Hrsg. und mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen versehen von Ralf Schröder. Bd. 3. Der Meister und Margarita. – Verlag Volk und Welt, Berlin 1994,

S. 493-514.)

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Eine interessante Website:

 

http://bulgakow.chkebelski.de/index.html



 

Werkausgaben

 

Gesammelte Werke in 13 Bänden,

Hrsg. von Ralf Schröder, Berlin,

Volk und Welt 1994

 

Prosa

Haus Nr. 13 („№ 13 – Дом Эльпит-Рабкоммуна“) Erzählung, 1922

 

Tschitschikows Abenteuer („Похождения Чичикова“) - „Poem in zehn Punkten mit einem Prolog

und einem Epilog“, veröffentlicht 1922

 

Teufelsspuk („Дьяволиада“) Erzählung,

1923 (veröffentlicht 1924)

 

Die weiße Garde („Белая гвардия“)

Roman,1923–24

 

Die verhängnisvollen Eier („Роковые яйца“)

Erzählung, 1924

 

Hundeherz („Собачье сердце“)

Erzählung, 1925

 

Aufzeichnungen eines jungen Arztes

(„Записки юного врача“) Erzählungen,

1925/27 (Übers. Thomas Reschke;

mehrere dt. Aufl. seit 1972, Volk und Welt,

Berlin; auch 1981 und 1986 in einem Sammelband

zus. mit "Das Leben des Herrn Molière" und dem "Theaterroman") In den "Aufzeichnungen..."

schildert Bulgakow den Ausgangspunkt

seines Lebens und Schaffens,dem er

trotz aller Widersprüche treu geblieben ist.

In dem Fragment gebliebenen Spätwerk

"Theaterroman" (1936/1937) und dem

mit diesem innerlich verbundenen

biografischen Roman

"Das Leben des Herrn Molière"

von 1932/1933 gestaltet er, wie sich

die "Ströme der Aufklärung"

auch unter komplizierten Bedingungen

immer wieder durchsetzen.

 

Ausgabe in der BRD: Arztgeschichten

gleicher Übers., Luchterhand,

Darmstadt 1972 u.ö. (zuletzt 11. Aufl. 2009)

 

          Der Meister und Margarita

          („Мастер и Маргарита“) Roman, 1929–39

 

Theaterroman (teilw. autobiographisch),

deutsch zuerst 1969, Volk und Welt, Berlin.

Neuauflagen.

 

Theaterstücke

Die Tage der Turbins („Дни Турбиных“) – Schauspiel, Premiere am 5. Oktober 1926

 

Adam und Eva („Адам и Ева“) – Theaterstück in vier Akten, 1931; zu Lebzeiten Bulgakows weder publiziert noch aufgeführt, erstmals veröffentlicht 1971 (Paris),

sowjetische Erstveröffentlichung 1987

 

Der verrückte Jourdain („Полоумный Журден“) – Molièriade in drei Akten, 1932

 

Glückseligkeit („Блаженство“)

Theaterstück in vier Akten, 1933–34; zu Lebzeiten Bulgakows weder publiziert noch aufgeführt,

erstmals veröffentlicht 1966

 

Iwan Wassiljewitsch („Иван Васильевич“)

Komödie in drei Akten, 1934–35; Umarbeitung des Theaterstücks Glückseligkeit („Блаженство“);

zu Lebzeiten Bulgakows weder publiziert noch

aufgeführt, erstmals veröffentlicht 1965

 

Don Quijote („Дон Кихот“)

Bearbeitung des Don Quijote von Cervantes

für die Bühne, 1937–38; zu Lebzeiten Bulgakows

weder publiziert noch aufgeführt,

erstmals veröffentlicht 1962

 

 

Vor dem BULGAKOW HAUS in Kiew

 

Der Schriftsteller wurde am 15. Mai 1891 in Kiew in einer Familie von Geistlichen geboren. Sein Vater war Dozent, später Professor an der Geistlichen Akademie. Der junge Michail Afanassijewitsch plagt im Gymnasium die Mitschüler und Lehrer mit Satiren und Epigrammen. Seine Begeisterung für die Literatur nimmt er jedoch selbst noch nicht ernst. Er wird Arzt und amputiert 1916 an der Front Beine von Verwundeten. Nach der Revolution arbeitet er als Landarzt, fühlt sich aber immer stärker zur Literatur hingezogen.

 

Die ersten fünf Stücke, die er im Norden des

Kaukasus verfaßt, vernichtet der Autor anschließend unbarmherzig selbst. Schließlich zieht er 1921 nach

Moskau und sucht sich Wohnung und Arbeit.

 

Er verdingt sich als Zeitungsjournalist, Conferencier, Schauspieler, wird Feuilletonist bei der Zeitung der Eisenbahner, Gudok. Er schreibt immer sicherer,

zeitweilig glänzend und sehr leicht.

 

Als Meister der Mystifikationen und des spontan inszenierten Spiels ist Bulgakow die Seele seines Freundeskreises.

 

Gleichzeitig hält er immer Distanz, wird niemals

familiär. In seinen Feuilletons macht er sich über

die naive, fade Lebensweise,über den plebejischen

Stil des sowjetischen Lebens lustig.

 

Bulgakow setzt sich auch äußerlich davon ab:

Ungeachtet der ewigen Geldknappheit erregter

allgemein Erstaunen mit seiner weißgestärkten Hemdbrust,dem tadellos gebügelten Anzug, 

dem makellosenScheitel und dem 

Monokel an der Schnur.

 

Gar nicht zu reden von den betont aristokratischen Manieren. So verteidigte er seine Selbstachtung

gerade in den Jahren, als die Achtung vor dem

einzelnen immer mehr verlorenging. Niemand

hätte damals wohl erraten, daß dieser glän-

zende Herr die Nächte hindurch selbstver-

gessen schwer arbeitete.

 

Alles, was er schrieb, war eine Herausforderung

an das, was um ihn herum vorging, es war eine

Warnung vor drohenden Nöten und den Folgen

jener sozialen Experimente, die die Bolschewiken

an dem Lande vornahmen.

 

Bei den phantastischen Novellen Bulgakows mußman

an Swift, an E. T. A. Hoffmann und natürlich an Gogol denken, den Bulgakow als seinen Lehrer bezeichnete.

 

In der 1925 entstandenen Novelle "Hundeherz" ironi-

siert der Schriftsteller den Satz aus der Revolutions-

hymne, der "Internationale": "Ein Nichts zu sein,

tragt es nicht länger, alles zu werden, strömt zu-

hauf!" und erzählt, wie ein genialer Mediziner,

Professor Preobraschenski, einen Hofhund

in einen Menschen verwandelt, indem er

ihm ein menschliches Gehirn einpflanzt.

 

Mit tödlichem Humor wird gezeigt, was aus

diesem Experiment geworden ist. In der

Vorstellung des Lesers entsteht jener

schreckliche Sozialtypus,der mit nichts

zu vergleichen ist und den unsere

heutige Umgangssprache kurz als

"Sowok" (in lateinischer Übersetzung

"homo sovieticus") bezeichnet.

 

Schon im Titel eine Herausforderung ist der

Roman"Die weiße Garde", denn dies ist ein

Roman über den weißen Offiziersstand,

der durch die Revolution dem Untergang

preis-gegeben ist. Mit Liebe wird die pro-

monarchische Familie Turbin beschrieben,

mit nostalgischem Schmerz erzählt, wie

eine ganze Schicht der aristokratischen

Kultur im Dunkel der Zeiten versinkt.

 

Alsbald interessiert sich das berühm-

testesowjetische Theater, das "Moskauer

Künstlertheater", für "Die weiße Garde",

aber das Stück"Die Tage der Geschwister

Turbin" (nach Motiven der"Weißen Garde")

läßt die Zensur nicht passieren; alles

steht auf der Kippe. Erst das Ultimatum

des großen Regisseurs Stanislawski,

daß er sein Theater andernfalls

schließen werde, ermöglicht

schließlich  die Inszenierung.

 

Die Premiere ist ein Triumph, und

dieser Triumph wird dann fast tausend-

mal wiederholt.

 

So wird Bulgakow 1926 berühmt.

 

Das Publikum vergöttert ihn, und

während die Parteikritik über das Stück

herfällt, schwebt paradoxerweise

der rettende Schatten des großen

Führers über der Bühne.

 

Es ist bekannt, daß Stalin nach den

Protokollen des Künstlertheaters das

Stück "Die Tage der Geschwister Turbin"

nicht weniger als 15mal gesehen hat.

 

Wir scheinen hier vor einem

unlösbaren Rätsel zu stehen:

 

Hat etwa der Theaterfreund Stalin

über den Politiker Stalingesiegt?

 

Es gibt aber noch eine andere Erklärung:

Im Gespräch mit Künstlern soll Stalin ausgerufen

haben: "Ja, Bulgakow geht richtig ran!

Der bürstet gegen den Strich!"

 

Elem Klimow

 

Website des Bulgakow-Museums in Kiew

 

http://bulgakov.org.ua/

 

Michail Bulgakows Grab

auf dem Moskauer

Nowodewitschi Friedhof

 

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Anna Achmatowa

 

M. Bulgakow zum Gedenken

 

Dies hier, es ist fur dich, statt Rosen auf dein Grab,
Anstatt dir Weihrauch zu entfachen;
Du lebtest so grausam und hast bis zum Ende bewahrt Die gewaltige Kraft der Verachtung.

Du trankst den Wein und scherztest wie sonst keiner,Und bist in engen Wanden fast erstickt,
Die Schreckensfrau, du ließt sie zu dir ein
Und teiltest ganz allein mit ihr's Geschick.

Du bist nicht mehr, und alles schweigt jetzt rings,
Von deinem hohen, tiefbedruckten Leben,
Nur meine Stimme ist's, die wie die Flote klingt,
Die Totenklage schweigsam zu erheben.

Wer hatte wohl geglaubt, dass ich
Anna, die halb im Wahn, Ich Klageweib langst ausgestorbner Tage,Ich Schwelende nach langem Feuerbrand,
Die alles verlor, die alle vergessen haben,

Dir nun gedenken muss, dir, der so voller Kraft,
Voll heller Plane willensstark gestritten,
Der du wohl gestern noch mit mir gesprochen hast, Den Schmerz verbergend und 
des Todes Zittern.

März 1940, Fontannyj Dom   
Übersetzt von Eric Boerner