Kaukasusarchiv Eins

 

Lolita Gagieva aus Nazran in Inguschetien

15. Juli 2018

Lolita Gagieva

nach erneuter Narbenbehandlung

in Machatschkala / Dagestan

Zur Geschichte unserer Freundschaft

 

Ich war im Februar 1997 mit dem „Hammer Forum – Hilfe für Kinder in Krisengebieten“ in Tschetschenien / Inguschetien unterwegs. Berliner Theaterakteure hatten für den Wiederaufbau eines Kinderkrankenhauses in Grozny nach laufenden Vorstellungen viel Geld gesammelt. Ich fuhr also für SPIEGEL TV mit einem Ärzteteam des HAMMER FORUMS los, um schwer  kriegsverletzter Kinder zu finden und  in deutsche Krankenhäuser zu überführen. Tagelang wurden wir aber in Nazran/Inguschetien aufgehalten. Eltern von erbkranken Kindern hatten erfahren, dass deutsche und niederländische Mediziner im Land sind. Sie hielten unser Ärzteteam geradezu fest. Vom frühen Morgen an  standen lange Schlangen vor dem Nazraner Krankenhaus, um ihre Kinder vorzustellen und um Hilfe zu ersuchen. Die Tage waren Schwerstarbeit für unsere Ärzte. Erst am vorletzten Tag gelang es uns, nach Grosny zu fahren… Der Chefarzt des Kinderkrankenhauses legte uns ein Foto eines schwer brandverletzten zwölfjährigen Mädchens vor, Lolita Gagieva aus Sernowodsk. Die Familie waren Inguschen, lebten aber schon lange an der tschetschenisch/ inguschetischen Grenze.

 

Unter grossen Schwierigkeiten gelangten wir nach Sernowodsk. Die russische Armeeführung hatte das Grenzgebiet zur Sperrzone erklärt u.s.w.u.s.f. Nun standen wir endlich vor dem Haus der Gagievs. Lautstark empfing uns Lolitas Grossmutter. Ihren verzweifelten Bericht über das ewige Unglück von Deportationen und Kriegen sendeten wir viele Male für westeuropäische TV-Stationen. Lolita wurde uns von ihrer Mutter vorgestellt. Das Unglück geschah, nachdem russische Besatzer das Haus der Gagievs räumten. Ob absichtlich oder aus Dummheit hatte ein Russe ihre Petroleumlampe mit Kerosin gefüllt. Lolita wollte sie anzünden, das Kerosin explodierte und Lolita stand in Flammen. Ihre Mutter versuchte das Feuer löschen, das gelang nicht und sie verbrannte sich ebenfalls schwer am Arm und im Gesicht. Die Grossmutter wurde  mit vollen Wassereimern zu ihrer Retterin.

 

Lolita war im Brustbereich und von der Nase abwärts schwer verletzt. Ein kleines zartes Mädchen mit halbverdecktem Gesicht stand vor uns. Die Wundern eiterten. Plastische Chirurgie kannte man im Nordkaukasus bisher nicht. Für die Besorgung eines Passes für Lolita und andere Formalitäten hatten wir  nur noch 1 ½ Tage Zeit und es gelang. Ohne jede Sentimentalität verabschiedete sich die Kleine auf dem Flugplatz von ihren Eltern. Voller Vertrauen liess sie sich in das Krankenhaus Bünde bei Bielefeld bringen. In den nächsten Jahren wurde sie,mit  notwendigen Zeitabständen, 17 x operiert…

 

Lolita lernte sehr schnell deutsch sprechen. Die Schule absolvierte sie spielend. In der neuen Universität von Magas / Inguschetien wurde eine Germanistische Fakultät eingerichtet. Lolita studierte dort und ist heute Diplomgermanistin. Sie steht mir bei meinen „Ausflügen“ im inguschetischen Theater zur Seite und durchbricht mit ihrem unglaublichen Mutterwitz und Sarkasmus auftretende Spannungen der Akteure mit ihrem deutschen Gastregisseur. Von den Männern lässt sie sich gar nichts gefallen. Voller Respekt halten sie Abstand.. Alles Gute bis zu unserem Wiedersehen Lolita!

Dr. Ioannis Emmanoulidis – Lolitas Chirurg

 

im Krankenhaus Bünde

Bela El - Mogaddedi erzählt über Lolita
Auf den Seiten 33 bis 35 wird noch
einmal ausführlich von Bela El - Mogaddedi
über Lolitas Rettung berichtet.
Lolitas Geschichte.pdf
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22. Februar 2014 – Lolita Gagieva

im Dramatischen Theater  Grozny

Lolita arbeitete vom 18. Januar bis 30. März 2014

als Dolmetscherin und Regieassistentin

während meiner Gastinszenierung

„Prometheus im Kaukasus“

in Nazran / Inguschetien an meiner Seite.

Lolita und ich, im Herbst 2012, während

einer Vorstellung in Nazran. Rechts von mir

sitzt Madina Chadzieva,

meine langjährige Übersetzerin und wichtigste

Mitarbeiterin bei all meinen

Theaterunternehmungen im Nordkaukasus.

Zwischen Madina und mir sehen Sie

Zarema Malsagova, seit 2004 die

musikalische Leiterin meiner Inszenierungen.

Oben links,über Lolita, sitzt

Murat Sampiev,unser PROMETHEUS.

Lolita im Mai 2018

Lolita Gagieva

während der Eröffnung

einer Ausstellung

"Bertolt Brecht - Leben und Werk"

in der Universitäts-Bibliothek

Magas / Inguschetien

September 2018